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Das Experiment „erste gemeinsame Wohnung“

Aus dein und mein wird unser. Wieso nervt es mich, wenn du neben mir atmest?

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Rückblick. Der Anfang der Pandemie 2019, alles scheint noch ungewiss. Ein Lockdown? Ach, okay. Wir sollen eine Zeit lang zu Hause bleiben, um jegliche Risiken so gering wie möglich zu halten? Kein Problem. Ich freu mich drauf! „Wie aufregend!“, sage ich zu meinem frisch-gebackenen Freund, den ich erst vor ein paar Wochen bei einem Wochenend-Ausflug in Barcelona kennengelernt hatte. „Findest du? Alles wird schließen und wir werden nur noch auf der Couch versauern“. Er war eher weniger begeistert, ich war froh darüber. So können wir uns richtig kennenlernen und so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen, dachte ich mir. Wir leben nicht in derselben Stadt, er kommt aber aus meiner Ecke. „Das ist doch super, ein paar Wochen bei dir, ein paar bei mir. Wir wechseln uns ab und machen das Beste daraus!“. Purer Enthusiasmus und Positivität sprudelten da aus mir heraus. Dass das Ganze noch weitere zwei Jahre andauernd würde, dachte ich mir zu dem Zeitpunkt natürlich nicht.

Nach zwei Jahren Beziehung und etlichen Lockdowns später, kommt natürlich die Idee auf, zusammenzuziehen. Es ändert sich ja im Großen und Ganzen nichts, man legt zwei Haushalte zusammen und spart sich Kosten. Logisch. Eine Praktische Idee. Gesagt, getan. Wohnung gefunden.

Ein aufregendes Gefühl, die erste gemeinsame Wohnung. Umzug. Vorfreude. Die ersten Wochen sind etwas chaotisch, welche Möbel von wem behält man, was kauft man neu, wer darf die Überhand behalten, wenn es um den Einrichtungsstil geht, wer gibt nach? Da entsteht das erste Problem. Keiner gibt nach. „Wenn es unsere gemeinsame Wohnung ist und es dir von Anfang an so wichtig war, alles 50:50 zu machen, wieso entscheidest dann du die ganze Zeit?“, fragt er mich. „Weil du hier nur den hässlichen Teppich deiner Mutter anschleppst, das Ding will doch keiner sehen!“

Die ersten Diskussionen beginnen. Super. Woran liegt das, frage ich mich, hatte ich die ganze Zeit ein komplett verschobenes Bild vom Zusammenziehen? Hatte ich die Tatsache, dass zwei Menschen nun ihren Alltag und das Leben miteinander teilen, einfach nur stark romantisiert? Die Antwort ist klar und trifft mich wie ein Schlag: Ja. Genau das hatte ich getan.

„Ich hatte dir von Anfang an gesagt, dass ich eine Sache wie Zusammenziehen eher wie ein Experiment sehe, man schaut es sich an und findet dadurch raus, ob es das ist, was man will.“ Wegen dieser Aussage gab es eine Menge Streit, da ich natürlich nicht nachvollziehen konnte, wieso nur ich dieses schöne und rosige Bild eines gemeinsamen Lebens im Kopf hatte, dabei hätte ich es mir eigentlich denken können, wenn ich mein Augenmerk etwas mehr auf die Details gerichtet hätte…

Die Socken habe ich noch nie IM Wäschekorb gesehen, sondern immer nur davor. Seine Schuhe stehen auf dem Boden im Flur und befinden sich nicht IM Schuhschrank. Langsam macht sich ein Muster bemerkbar. Das Geschirr steht AUF der Spüle und nicht IN der Spüle. Oh Verdammt. Ich wasche gerne Wäsche, hasse es aber, sie abzuhängen und gehe davon aus, dass meine bessere Hälfte den vollen Wäscheständer im Wohnzimmer möglicherweise bemerkt, wenigstens aus dem Augenwinkel wahrnimmt oder noch besser sogar von sich aus abhängt. Ich meine, ist doch auch nicht unauffällig, so ein voller Wäscheständer, welcher einem seit einer Woche im Weg herumsteht? Oder?

Einen Schritt zurück. Wieso war unsere Situation so, wie sie war? Wir waren schließlich nicht das erste Paar aus dem Bekanntenkreis, das während einer Pandemie zusammenzog. Ganze vier andere Paare aus unserem Freundeskreis waren kurz vor uns zusammengezogen. „Bei denen funktioniert es doch auch?“, fragte ich mich. Also fing ich an, das Ganze aus einer anderen Perspektive zu sehen. Ein Experiment. Denn wie sich herausstellte, war nur ich die Person, die mit der neuen Situation überrumpelt war, er schien ganz gut und gelassen damit umzugehen. Der Alltags-Trott, das Festsitzen, jeden Tag dasselbe erleben. Nur eben gemeinsam in der eigenen Wohnung. Das war doch alles, was ich je wollte… Oder? Auf einmal war ich mir da nicht mehr so sicher, da mich alles nervte oder aufregte. Dann auch noch Home-Office. Sich ein Büro teilen. Den ganzen Tag von morgens bis abends nebeneinander und aufeinander sitzen. Meine persönliche Hölle. Nur war mir das bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst, dass ich diejenige sein würde, die auch mal ihre Ruhe wollte. Bis dato war das nämlich immer genau umgekehrt und ich konnte es nur selten nachvollziehen, wieso er denn nun ein paar Tage Abstand von mir wollte, wir hatten uns doch gar nicht gestritten?

Ein emotionales Auf und Ab

Es folgte ein Streit nach dem anderen, eine miese Laune nach der anderen. „Wieso bist du denn schon wieder so schlecht drauf?“, fragte er mich fast täglich. Ich konnte es nie beantworten. Steckte ich in einer Depression? Hatte ich Bindungsängste? War die Beziehung doch nicht das, was ich all die Jahre in meinem Leben vermisst hatte? Für mich war alles glasklar: Er ist das Problem. Er versteht mich nicht. Er muss gehen. Punkt. Ein großer Knall. Er ging nicht. Zum Glück.

Nun leben wir bereits seit sechs Monaten zusammen und es fühlt sich bereits so an, als wären es sechs Jahre. Ich schaue in den Spiegel und frage mich, wieso ich es ihm und mir selbst so lange so schwer gemacht hatte. Die Antwort ist so simpel, dass ich mich fast dafür schäme: Es gab keinen Grund. Ich musste mich nur daran gewöhnen, dass mein Leben nun etwas anders aussieht, ich nicht mehr allein einschlafe und aufwache. Und auf einmal war es so, wie ich es mir die ganze Zeit gewünscht hatte. Romantisch, echt, ehrlich. Wenn mich etwas stört, spreche ich es an und er hört mir zu. Wenn einer von uns eine kleine Auszeit braucht, schließt man die Türen und gibt sich Freiraum.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und schreckt vor jeglichen Änderungen zurück, auch wenn es seine Idee war, diese anzustoßen. Was für ein verrücktes Experiment. Ich war nie glücklicher.