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Der Krieg ist Realität. Damit müssen wir jetzt leben – Kann mir jemand sagen, wie?
(POP)Culture
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Einen Augenblick später fährt der Zug ein. Der schrille Ton des bremsenden Zuges übertönt die nicht weniger ohrenbetäubende Après-Ski-Musik. Hinter den trüben Glasfenstern kann ich im schwummrigen Licht die Konturen der ersten Menschen erkennen. Ich sehe eine junge Frau aussteigen. Sie läuft geradewegs in die Arme einer anderen Frau. Beide weinen. Vielleicht wäre es an dieser Stelle anständiger von mir, mein empfundenes Mitgefühl in Angesicht des Schreckens und der Eskalation der kriegerischen Gewalt zu beschreiben, die sich mir im Augenblick der Ankunft des Zuges vor meinen Augen abspielt. Jedoch muss ich ehrlicherweise eingestehen, dass ich nicht genau weiß, was ich in diesem Augenblick empfinden soll. Ja, ich vielleicht auch gar nichts so richtig empfinde.

Partytourismus und Krieg, Privileg und Verdammung, Glück und Unglück waren zwischen den beiden Gleisen nur einige wenige Schritte voneinander entfernt.

Das Schockierende war: Die Situation zog an mir vorbei, sie nahm ihren Lauf, so schnell, dass mir die Menschen um mich herum unwirklich wie Objekte vorkamen. Auf der einen Gleisseite wurde ich so unmittelbar mit der Trauer des Krieges konfrontiert und auf der anderen Seite bot sich mir die gefühlte Normalität des ersten schönen Frühlingstags dar. Ich fühlte, dass ich nur Frieden finden konnte, indem ich mich dieser Situation emotional nicht stellte. Einen realitätsverleugnenden Rückzug vornahm, der darin bestand, nicht weiter hinzusehen und stattdessen auf mein Handy zu schauen. Bis mein Zug kam.

Partytourismus und Krieg, Privileg und Verdammung, Glück und Unglück waren zwischen den beiden Gleisen nur einige wenige Schritte voneinander entfernt.

Sartre hat mal gesagt, der Krieg habe ihn zweigeteilt. Und auch für mich hatte die Welt ihre Dimension verloren. Ein Gefühl, das der Autor Milan Kundera in seinem Roman "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" im Kontext der russischen Invasion von 1968 in die Tschechoslowakei aufgreift: „Wenn sich zwei Gegensätze wie die Verdammung und das Privileg, der Nord und Südpol, so nahekommen, dass sie sich beinahe berühren, dann verliert die menschliche Existenz ihre Dimension und wird unerträglich leicht.“ Das Unerträgliche ist die Gewissheit, dass das Unmenschliche Tag für Tag und Trümmer um Trümmer geschieht. Eine Gesellschaft im Kriegszustand erfährt dies unmittelbar am eigenen Leib. Eine Gesellschaft im Frieden hat das Privileg, dies verdrängen zu können. Wie es auch Kundera einst in seinem Tagebuch schrieb: Der Krieg ist Realität. Damit müssen wir jetzt leben – Kann mir jemand sagen, wie?

Mein Wegschauen ist demnach ein Ausdruck dieses Privilegs der Verdrängung. Zugleich zeigt sich darin auch eine weitere subtilere Dimension des menschlichen Zusammenlebens: Die meisten Menschen in unserer Gesellschaft wachsen im Glauben auf, dass es immer eine dritte Instanz gibt. Einen Zufluchtsort, an den man sich in Not wenden kann. Die eigenen Eltern, Freund:innen, die Polizei und auch der Staat sind Repräsentanten dieser Hilfe in Not. Sie greifen in Konflikte ein, trösten uns, versuchen Gerechtigkeit wiederherzustellen und bewahren uns vor dem Äußersten. Wo diese Mächte versagen, nicht hinsehen oder eingreifen, entsteht zwar einerseits ein Raum der Freiheit, andererseits aber eben auch das Potential ungebremster Gewalt.

Das Gefühl der eigenen Sicherheit ist abhängig von dem Vertrauen darauf, dass es irgendwo auf der Welt einen Menschen gibt, der mir mit einem Funken Wärme im Herzen begegnet. Nichts rüttelt so tief an unseren menschlichen Ängsten, wie wenn dieses Vertrauen auf Menschlichkeit seine Gültigkeit verliert.

In dem Moment, als die Wirklichkeit stärker war als ich; ich wegschaute, mein Handy zückte und so tat, als existiere diese Situation nicht, habe ich dieses Versprechen der Menschlichkeit gebrochen und der Verwundbarkeit Platz geschaffen. Das Schockierende am Krieg ist, dass er nach unserem Denken und Fühlen greift. Unsere eigene Verletzlichkeit und Endlichkeit greifbar macht. Die entscheidende Frage ist, wie wir unsere Menschlichkeit in unerträglichen Situationen behaupten, ohne einen realitätsverleugnenden Rückzug anzutreten und sich in einen reißerischen Strudel der Angst ziehen zu lassen. Raketen, Leid und Elend sind Realitäten, die nicht von unserer eigenen Wahrnehmung abhängen.

Der Krieg ist Realität und er macht uns unmissverständlich deutlich: Menschlichkeit ist keine Selbstverständlichkeit.

Die Zeit heilt keine Wunden
Body & Mind
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Und plötzlich war ich ganz allein

Sicherheit. Geborgenheit. Liebe. Wenn ich an Papa denke, denke ich daran, wie es war, von ihm in den Arm genommen zu werden. So fest umarmt zu werden, dass es keine andere Möglichkeit gab, als sich beschützt zu fühlen. Groß und stark und als könnte ihm nichts auf der Welt etwas anhaben, war Papa die letzte Person, um die ich mir Sorgen gemacht habe, von der ich Angst hatte, sie verlieren zu können. Was sollte einem Mann wie ihm schon passieren können? Einem Mann mit einer starken Meinung, furchtlos, dem sich nichts und niemand in den Weg stellen konnte. Mit einer naiven Dummheit verschwendete ich nicht einen Gedanken an Vergänglichkeit, nicht einen Gedanken daran, dass sich Dinge schneller verändern könnten, als es sich jemand vorstellen kann.

Doch dann diese Nacht. Sie kam aus dem Nichts und ließ mein Leben von einer Sekunde auf die andere in tausend Stücke zerbrechen. Stücke, die ich immer noch versuche, wieder zusammen zu setzen, ohne Erfolg.

Plötzlich gab es keine Möglichkeit mehr, von ihm in den Arm genommen zu werden. Plötzlich konnte ich nicht mehr seine Hand halten, mit ihm lachen oder Auto fahren und dabei laut Musik hören, Konzert-Pläne schmieden. Von einem auf den anderen Tag konnte ich ihn nicht mehr besuchen, ihn nicht mehr anrufen. Es gab keine Umarmungen mehr, keine Liebe, nur noch Leere. Ein großes Nichts, in dem nur Fragen und Vorwürfe mir selbst gegenüber Platz hatten.

Eine Nachricht, das war alles

Alles, was mir von ihm blieb. Ein paar Worte, an die ich mich klammerte, an denen ich mich immer noch festhalte. Ein letztes Mal von ihm Sonnenschein genannt werden, ein letztes ich LIEBE dich. Bevor das große Nichts kam. Ein Knall so laut, dass ich immer noch taub bin. Und dann diese unaushaltbare Stille. Ich wollte diesen Text hier schreiben, um Mut zu machen. Um zu zeigen, es geht weiter, alles hat einen Sinn. Doch beim Schreiben habe ich gemerkt: Ich kann das nicht. Ich stelle fest, dass ich immer noch vieles verberge, um mich nicht noch verletzlicher zu zeigen. Gespräche, in denen das Thema Eltern aufkommt, enden meist in peinlich berührten Gesichtern, in mitleidigen Blicken und unangenehmer Stille. Ein toter Vater ist ein Vibe-Killer für jede Unterhaltung. Ich habe gelernt, mein Lächeln aufzusetzen und mit einem „schon okay“ gekonnt das Thema zu wechseln. Ich dachte immer, ich würde das machen, um meinem Gegenüber kein schlechtes Gefühl zu geben. Doch wenn ich darüber nachdenke, mache ich es vor allem, um mir selbst nicht eingestehen zu müssen, dass ich genau das bin. Verletzt und verzweifelt.

Wenn ich erzähle, dass Papa sich das Leben genommen hat, fühlt es sich meistens an, als würde ich darüber sprechen, was jemand anderem passiert ist. Dass nicht ich das Mädchen bin, was zurückgelassen wurde. Dass es nicht mein Papa war, der sich umgebracht hat. Es ist, als würde ich ein fremdes Geschehen von außen betrachten. Es fühlt sich an, als wäre in meinem tiefsten Innern noch gar nicht angekommen, was geschehen ist. Wie eine große Schutzmauer in mir, die tiefe Emotionen nur zulässt, wenn die Welle an Schmerz so groß ist, dass sie hinüber schwappt. In regelmäßigen Abständen wird alles zu viel. Je mehr ich verdränge, desto schlimmer wird es, wenn es raus muss. Panikattacken, Alpträume – das und vieles mehr gehört zu diesen Phasen. Einerseits habe ich immer Angst, dass es bald wieder so weit ist. Andererseits sind diese Momente auch befreiend. Dann kann endlich raus, was sonst versteckt bleibt. Dann kann ich spüren, was da wirklich in mir ist. Denn tief in mir ist keine Kälte. Die Abgeklärtheit ist nur da, um mich zu schützen. Um zu funktionieren, um mein Leben nicht außer Kontrolle geraten zu lassen.

„Wie viel kann ich ihm bedeutet haben, wenn es ihn nicht abgehalten hat?“

Doch in Wahrheit fühle ich mich zurückgelassen. Es fühlt sich an, als wäre ich nicht genug gewesen. Wäre ich anders gewesen, besser, wäre er dann noch da? Wäre ich es dann wert gewesen, für mich zu bleiben? Doch ich war nicht Grund genug. Wie viel kann ich ihm bedeutet haben, wenn es ihn nicht abgehalten hat? Es passt nicht zusammen, dass ein Mensch sagt, dass er dich über alles liebt und dich trotzdem verlässt. Nichts passt zusammen.

Und wieso habe ich nichts bemerkt? Kannte ich ihn überhaupt, wenn ich nicht gesehen habe, was in ihm vorging? So oft bin ich im Kopf unsere letzten Gespräche durchgegangen, immer und immer wieder. Da waren keine Anzeichen für mich! Keine Anzeichen, dass er so verzweifelt war, dass es keinen anderen Ausweg mehr für ihn gab, er keine andere Option mehr sah. Und immer wieder die gleichen Fragen, die mich verfolgen. Wie hat er sich in seinen letzten Minuten gefühlt, was ging in seinem Kopf vor? Hat er die Nachricht vielleicht doch in der stillen Hoffnung geschrieben, dass ich sie lesen würde? Habe ich ihn enttäuscht, ihn im Stich gelassen? Meine größte Angst ist, dass er sich einsam gefühlt hat. Dass er verzweifelt war, seine Entscheidung noch nicht endgültig gefallen, dass er mir als letzten Hilferuf schrieb und ich nicht da war. Ich war nicht da. Im wichtigsten Moment habe ich versagt. Und dieses Gefühl werde ich nicht los. Es ist eine Last, von der ich weiß, dass sie niemals leichter werden wird.

Und wie trauert man richtig? Verlust ist so persönlich und trotzdem wird der individuelle Umgang damit so oft bewertet und verurteilt. Jemanden zu verlieren geht an die Substanz. Es löst die wohl stärksten Emotionen aus, die es zu fühlen gibt. Wenn mich Menschen fragen, wie ich damit umgehe und klarkomme, weiß ich nicht, was ich antworten soll. Wie soll ich Position beziehen, wenn ich meine Gefühle selbst nicht greifen kann? Es kommt mir vor wie ein ewiger Spagat zwischen den Erwartungshaltungen anderer, dem eigenen Hinterfragen und dem normalen Leben des Alltags.

Verlust, Trauer und Verzweiflung sind Worte, die ein Gefühl, einen Zustand beschreiben. Wir kennen ihre Definition und wissen, in welchem Kontext sie verwendet werden. Doch die Emotionen, die wir in uns tragen, lassen sich manchmal nicht in Worte fassen. Kein Wort, kein Satzgefüge der Welt ist groß genug, um ausdrücken zu können, wie es in mir aussieht. Aneinandergereihte Buchstaben werden dem nicht gerecht.

Ich konnte nichts tun, es ist einfach passiert. Und jetzt kann ich nichts mehr daran verändern. Es ist das, was am schwersten fällt, zu akzeptieren. Dass es endgültig ist. Und wie sehr ich mir auch wünsche, dass es anders wäre, es niemals wieder anders werden wird. So positiv ich normalerweise doch auch bin, so sehr ich in allem etwas Gutes sehe, so sehr ich hinter dem Verlauf meines Lebens stehe, weil er mich dahin gebracht hat, wo ich heute bin: Diesen Tag, diese Nacht würde ich sofort aus meinem Leben löschen, wenn ich könnte. Aber diese Macht habe ich nicht. Und genauso fühlt es sich auch an, machtlos.

Es heißt, die Zeit heilt alle Wunden. Ich glaube, dass sie das kann. Aber nur, wenn die Zeit vergeht. Das tut sie nicht. Sie ist einfach an dem Punkt stehen geblieben, als er gegangen ist. Und ich warte immer noch. Auf ein Zeichen, eine Erklärung, darauf, dass es endlich aufhört, so verdammt weh zu tun. Wenn ich ehrlich bin, Papa, warte ich vor allem darauf, dass du endlich wiederkommst.

Das unbequemste Interview mit Liberta Haxhikadriu
People
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TOMORROW: Welches Vorurteil gegenüber Influencer:innen nervt dich am krassesten?

Liberta: "Influencer sein ist kein richtiger Job – ihr sitzt doch den ganzen Tag nur zuhause, lackiert euch die Fignernägel und bekommt Unmengen an Geld“. Genau! Ich kenne kaum eine andere Berufsgruppe, die sich so für ihren Beruf rechtfertigen muss. Es ist sicherlich kein klassisches Berufsmodell, aber muss es das sein, um seine Daseinsberechtigung zu haben? Ich bin stolz auf das, was ich tun darf und habe mir diesen Beruf hart erarbeitet. Mein Alltag besteht übrigens neben Nagelpflege noch aus Konzeptentwicklung, Content Produktion, Texten, Papierkram oder Strategieentwicklung – zugegeben deutlich flexibler als in einem festen Angestelltenverhältnis, aber Unmengen an Geld sind es leider auch nicht immer.

Was nervt dich an anderen Influencer:innen?

Ob 50.000 oder 2.000 Follower, ganz allgemein finde ich es äußerst fragwürdig, sich darüber zu profilieren, wie ausgelastet man ist, wie lang die Arbeitstage doch sind oder wie voll der Terminkalender. Jeder erledigt tagtäglich seinen Job – die Kunst besteht meines Erachtens eher darin, den Ausgleich zu finden und ein gesundes Bild zu vermitteln, anstatt mit Stress zu prahlen.

In der Instagram-Bubble sieht immer alles nach „happy Family“ aus. Jetzt mal ehrlich: Gibt’s überhaupt kein Konkurrenz-Gehabe?

Na sicher gibt es das! Wenn wir mal ehrlich sind: Wo Menschen aufeinandertreffen, gibt es doch leider immer Konkurrenz und Missgunst. Die positive Seite: Es motiviert und kann als Ansporn dienen, am Ball zu bleiben. Trotzdem bin ich der Meinung, dass der Kuchen groß genug ist und für jeden ein Stück da ist: Konkurrenz-Gehabe also überflüssig.

Gibt es Kooperationen aus deiner Vergangenheit, die du heute bereust? Wenn ja, welche?

Ich sage nichts ohne meinen Anwalt. (Pssst: Ja, klar!)

Wie käuflich bist du?

Mach mir’n Angebot und wir reden drüber.

Für welches Produkt würdest du nie werben und warum? 

Für ein Produkt, das mir nicht gefällt, Fashion, die meinem Style nicht entspricht, Cremes, die meiner Haut nicht guttun, Essen, das mir nicht schmeckt, und so weiter. Mein Geschmack ändert sich zwar kontinuierlich in allen Bereichen, aber ich kann mit bestem Gewissen sagen, dass ich zum jeweiligen Zeitpunkt immer aufrichtig überzeugt von dem Produkt bin, dass ich bewerbe. 

Hast du schon mal Follower und/oder Likes gekauft? 

Anna, Luisa, Marlo, Simon, ich kenn sie doch alle, meine Follower. Würde ich noch Leute dazu kaufen... ne, sag ich ganz ehrlich, da komm ich doch mit dem Namen-Lernen und Profil-Auschecken nicht mehr hinterher. Noch ein kleiner Tipp: Sowas zeigt sich in den Statistiken des Instagram-Profils und ist leider nicht zielführend, wenn man ernsthaft als Influencer:in arbeiten will.

Ist dein Leben wirklich so geil, wie es auf Instagram aussieht? 

NATÜRLICH! Deswegen lohnt es sich doch, mir zu folgen. Am besten ist mein Leben natürlich dann, wenn man ich den Alltag hinter mir lassen kann, alle Kampagnen abgedreht sind und ich einfach mal eine Auszeit am Meer genießen kann. Also vermutlich genau so wie bei jedem Menschen, der berufstätig ist.

Wie stark empfindest du den Druck, mit den neusten Trends, der schönsten Ästhetik und Kolleg:innen mithalten zu können?

Ich hol mal etwas weiter aus: Ich kann das alles nicht mehr sehen hören und sehen. Ästhetik. Alles scheinbar immer perfekt. Picture perfect Wohnung, Outfit, Freundeskreis. Keine Frage, das sieht super aus, aber wir kennen es doch alle von zuhause: So sieht es nicht wirklich aus, so ist das Leben nicht. Ich entziehe mich bewusst dem Druck, dieses unnatürliche Bild zu kreieren und finde es viel schöner, realistische Einblicke zu geben. Natürlich kann auch ich mich Trends nicht vollkommen entziehen, man bekommt automatisch mit, was in seiner Branche passiert und funktioniert, aber ob man da mitzieht ist, ist jedem selbst überlassen. 

Wenn wir alle morgen offline wären, welchen Job würdest du stattdessen ausüben? 

Unbedingt etwas mit Menschen, Kindern oder Tieren. Psychologin, Grundschullehrerin, Hundeflüsterin?

Wie lange hängst du täglich am Handy? 

Kaum zu glauben: viel zu wenig. Aber ich bin einfach gerne präsent in der realen Welt.

Also wird das klassische Bild des "genervten Umfelds", weil du das Smartphone ständig vor der Nase hast, nicht bedient?

Die hängen doch selbst alle nur am Handy rum! Ich meine das ernst, ich bin tatsächlich wenig am Handy und eher Produzentin als Konsumentin – übrigens wie viele meiner Kolleg:innen.

Welche Kritik aus der Vergangenheit hat dich persönlich am stärksten getroffen?

Unterschätzt zu werden. Mir wurde oft gesagt, ich könnte dies nicht erreichen, sollte davon nicht träumen, den Weg nicht einschlagen oder Jobs beenden. Das verunsichert und übt Druck aus. Diese schlauen Ratgeber warten doch nur darauf, zu sagen: "Ich hab's dir doch gesagt“. Von meinen Zielen abhalten konnte es mich aber nie, ich habe immer auf mein Bauchgefühl gehört, vieles ausprobiert und stetig hart gearbeitet. Zum Glück hat sich das ausgezahlt und diese vermeintlichen "Ratschläge" haben sich als falsch bewahrheitet – mehr Unterstützung und Vertrauen von allen Seiten wäre jedoch schön gewesen.

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Sonnenstrahlen durchbrechen zum ersten Mal im Jahr die graue Wolkenfront. Von deren Freundlichkeit eingeladen, strömen Menschenmassen an all die Orte, die im Winter sonst kaum aufgesucht werden. Es ist die Zeit der Hobbyfotograf:innen und Straßenkünstler:innen. Die ersten großen Fotosessions des Jahres. Wohin man auch geht, sieht man die instagrammable Verrenkungen der Körper vor dem Hintergrund weißblühender Magnolien. Die Straßen, die Parks und vor allem die Sommerterrassen Berlins sind wieder mit Leben gefüllt. Auch mich ergreift diese aufkommende Euphorie der Frühlingsromantik. Ich entscheide mich, zu meinem besten Freund zu fahren.

Mein Zug fährt vom Berliner Hauptbahnhof. Wie immer treibt mich die Angst, diesen zu verpassen, etwas früher ans Bahngleis. Heute bin ich besonders früh da und sitze auf der einzig sonnengelegenen Bank mittig zwischen Gleis 13 und Gleis 14. Auf Gleis 14 steht ein ICE nach Zürich bereit und vor ihm tummeln sich die letzten Skiurlauber des Jahres. Ich beobachte aufmerksam eine Gruppe von Männern. Dosenbier trinkend beschallen sie mit lauter Après-Ski-Musik das Bahngleis. Sie lachen und sind sichtlich in Urlaubsstimmung. Für einen kurzen Moment verliere ich mich in der Beobachtung dieser Szenerie, bis die aus den Lautsprechern tönende Bahndurchsage meine Aufmerksamkeit wieder auf sich lenkt: „Auf Gleis 13 fährt ein: ICE 2308 aus Warschau. Vorsicht bei der Einfahrt.“

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20.02.2022
Das unbequemste Interview mit Liberta Haxhikadriu

Wer in oder um Hamburg herum lebt und Sozialen Medien nicht gänzlich fremd ist, der kommt kaum an ihr vorbei. 164 Zentimeter geballte Energie gepaart mit albanischem Feuer und einer kleinen Prise selbstironischem Alman-Dasein: Liberta Haxhikadriu ist nicht nur eine der beliebtesten Influencerinnen des Landes, sie ist auch noch viel mehr – Podcasterin, Moderatorin, Model, Sprecherin, Multitalent in jeder Hinsicht. Noch dazu schön und unfassbar witzig. Klar!

Geboren im Kosovo, aufgewachsen an der Ostsee, heute in Hamburg. Wer Stories à la "Hallo, meine Lieben" und Rabatt-Codes für jeden Mist erwartet, kommt bei der 31-Jährigen nicht auf seine Kosten. Sie ist das beste Beispiel dafür, dass Influencen nicht gleich Cringe bedeutet und dass hinter dieser Berufsbezeichnung – entgegen der immer noch vorherrschenden Annahme des Normalos – verdammt viel Arbeit, Konzept und Disziplin stecken.

Speaking of: Wo Influencer oder Content Creator sind, sind auch Schubladendenken und Vorurteile nicht fern. Und genau diese servieren wir Liberta heute im unbequemsten Interview auf dem Silbertablett.

Bon Appétit!

Dear Diary

Cover Dear Diary, Seite 3: Wie komme ich hier raus?
12.12.2021
Dear Diary, Seite 3: Wie komme ich hier raus?

[Triggerwarnung: Dieser Text enthält explizite Beschreibungen einer Panikattacke.]

Atme, denke ich. Alles ist gut. Nichts ist gut, antwortet mein Körper, während irgendwo ganz tief in meinem Bauch ein Gefühl der Unruhe mit gewaltiger Wucht gegen meine Rationalität anzukämpfen versucht. Sei nicht albern, denke ich. Ein Schritt vor den anderen, Rücken gerade, die Schultern einmal ausschütteln. Es wird nicht passieren, ich habe die Lage im Griff. Linker Fuß, rechter Fuß, Blick nach vorne, zielgerichtet, bis ich mein Auto erreiche. Ich fühle mich wahnwitzig, als ich die Tür aufreiße und noch im selben Atemzug hinter mir schließe, als verfolge mich irgendjemand, der in Wahrheit gar nicht existiert. Beide Hände um das Lenkgrad, Stabilität spüren, die Füße in den Boden drücken. Atmen. Ich atme schneller, als ich will. Atme langsamer, Gott verdammt! Mein Herz bricht aus seinem gewöhnlichen Rhythmus aus. Wird schneller und schneller. Das Gefühl in meinem Bauch bahnt sich seinen Weg in meine Brust, droht, sie zu sprengen.

Es passiert doch. Bitte nicht, fleht eine innere Stimme, bitte nicht. Der Rollkragen um meinen Hals legt sich enger. Der Stoff auf meiner Haut verwandelt sich in Millionen kleiner Nadeln. Die Temperatur im Raum steigt. Mein Atem wird zu Hecheln. Der Damm der Tränen bricht. In diesem Moment stoppe ich den Widerstand, gebe mich meiner Panikattacke ganz hin. Was dann passiert, weiß ich nicht. 

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