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Dear Diary, Seite 5: Ich bin neu verliebt
Body & Mind
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Diesen Text da oben tippte ich vor fünf Monaten in die Notizen-App meines Handys, während ich eine lange Zugfahrt vor mir hatte und gerade dabei war, meine Wunden zu lecken. Es sollte das Intro eines Textes darüber sein, wie einem von jetzt auf gleich der Boden unter den Füßen weggezogen werden kann. Wie machtlos man doch manchmal ist, selbst wenn man der kontrollierteste, alles-im-Griff-habende Mensch ist, der ich meistens bin. Wie sich das Leben von jetzt auf gleich verändern kann, von einem auf den nächsten Wimpernschlag alles anders sein kann.

Ich wollte einen richtigen Spannungsbogen aufbauen, meine Worte auf Papier bluten, meinem Schmerz darüber, dass mich eine wichtige Person hintergangen hatte und mich zerschmettert zurück ließ, Ausdruck verleihen. Um dann am Ende irgendeinen Lichtschimmer zu finden, den Text zu beenden mit einer Art hoffnungsvollem Spruch oder sowas, eine hoffentlich sich selbst erfüllende Prophezeiung darüber, dass schon wieder alles irgendwie gut werden würde. Ich wollte irgendetwas kreieren, mit dem sich alle Leidenden identifizieren können, um mich dann mit Nachrichten wie "Wow, mir geht es genau so scheiße, danke, dass du mir das Gefühl gibst, damit nicht alleine zu sein" beschmücken zu können.

Stattdessen schloss ich die Notizen-App, legte das Handy beiseite und ließ den Blick aus dem Zugfenster schweifen, vorbei an den schier endlos grünen Landschaften Richtung Süddeutschland. Und in diesem Moment beschloss ich, dass ich nicht weiter meine Wunden lecken wollen würde. Dass ich es nicht einsah, schon wieder zu leiden, mich darin zu suhlen, dass doch immer die aufrichtigsten Menschen verletzt werden. Ich beschloss, dass Grämen zwecklos ist. In diesem Moment nahm ich meine Verletzung und Wut über eine Trennung, die ich nicht kommen sah, hin und machte sie zu etwas anderem: einer Chance.

Fast Forward To Now

Es ist jetzt Mitte August, hier sitze ich, im warmen Sonnenlicht des Sommers – des Sommers meines Lebens. Seit diesem oben beschriebenen Moment im Zug und dem festen Entschluss, mein Glück selbst in die Hand zu nehmen, war jeder Tag immer noch ein kleines Stück schöner als der vorige. Ich wollte mich unbedingt wieder verlieben, neu verlieben. In mich, die in den Monaten zuvor unbemerkt und ganz leise schleichend zu einer krummen, unauthentischen und verworrenen Version ihrer Selbst wurde. In meine Freunde und Freundinnen, von denen ich manchmal gar nicht mehr wusste, wer sie überhaupt sind, weil ich zu beschäftigt war mit meinem krummen, unauthentischen und verworrenen Alltag. In meine Leidenschaft als Kreative, als Autorin, die ich im stumpfen Tag-zu-Tag einfach irgendwie verloren hatte. Ich wollte mich neu verlieben in die ganz kleinen und die ganz großen Dinge meines Lebens; neu verlieben in das Leben.

Und so tat ich genau das. Kein Geheimrezept, kein Einmaleins, keine Anleitung für das perfekte Glück. Ich machte einfach. Zog mal wieder mit meinen Liebsten um die Häuser, genehmigte mir den ein oder anderen Drink zu viel, gab einen Fick auf die perfekte Ernährung und den perfekten Schlafrhythmus und ließ einfach mal locker. Gott, wann war ich das letzte Mal locker? Wenn Kontrolle sowieso eine Illusion ist, warum mich also länger mit der Illusion rumschlagen, ich hätte alles zu jeder Zeit immer ganz fest im Griff?

Ich besorgte mir wieder ein Hobby – Schlagzeugunterricht –, wogegen ich mich so lange gesträubt hatte, weil ich das Bild einer erwachsenen Frau, die nach 15 Jahren das erste Mal wieder Drum Sticks in die Hand nehmen und völlig hilflos sein würde, lächerlich fand. Ich brezelte mich jeden Tag auf, weil ich es verdammt nochmal verdiene, mich gut zu fühlen und das ins Außen zu tragen. Ich gönnte mir die Designer-Sachen, weil ich es kann und nicht dafür arbeite, jeden Cent sauber zu stapeln für ein Morgen, das nicht garantiert ist.

Ich tanzte, weinte, kuschelte und feierte mit meinen Freund:innen. Lachte, bis mir der Bauch wehtat. Oh, wie wir gelacht haben! Ich fing an, jedem noch so kleinen und flüchtigen Glücksgefühl, das sich gerade in mir auftat, Ausdruck zu verleihen. Und immer öfter war das Glücksgefühl plötzlich gar nicht mehr so flüchtig. Und während ich nicht mehr damit beschäftigt war, mich der Schwere des Lebens zu widmen, wurde das Leben ganz leicht. Und während das Leben ganz leicht war, fand ich die Liebe wieder und die Liebe fand mich.

Ich habe es geschafft, ganz offiziell und hier für jede:n festgehalten: Ich habe mich neu in das Leben verliebt. In mich. In meine Freund:innen. Und auch in einen Mann.

Und die Moral von der Geschicht'? Lieb das Leben und es liebt dich zurück.

Die Zeit heilt keine Wunden
Body & Mind
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Und plötzlich war ich ganz allein

Sicherheit. Geborgenheit. Liebe. Wenn ich an Papa denke, denke ich daran, wie es war, von ihm in den Arm genommen zu werden. So fest umarmt zu werden, dass es keine andere Möglichkeit gab, als sich beschützt zu fühlen. Groß und stark und als könnte ihm nichts auf der Welt etwas anhaben, war Papa die letzte Person, um die ich mir Sorgen gemacht habe, von der ich Angst hatte, sie verlieren zu können. Was sollte einem Mann wie ihm schon passieren können? Einem Mann mit einer starken Meinung, furchtlos, dem sich nichts und niemand in den Weg stellen konnte. Mit einer naiven Dummheit verschwendete ich nicht einen Gedanken an Vergänglichkeit, nicht einen Gedanken daran, dass sich Dinge schneller verändern könnten, als es sich jemand vorstellen kann.

Doch dann diese Nacht. Sie kam aus dem Nichts und ließ mein Leben von einer Sekunde auf die andere in tausend Stücke zerbrechen. Stücke, die ich immer noch versuche, wieder zusammen zu setzen, ohne Erfolg.

Plötzlich gab es keine Möglichkeit mehr, von ihm in den Arm genommen zu werden. Plötzlich konnte ich nicht mehr seine Hand halten, mit ihm lachen oder Auto fahren und dabei laut Musik hören, Konzert-Pläne schmieden. Von einem auf den anderen Tag konnte ich ihn nicht mehr besuchen, ihn nicht mehr anrufen. Es gab keine Umarmungen mehr, keine Liebe, nur noch Leere. Ein großes Nichts, in dem nur Fragen und Vorwürfe mir selbst gegenüber Platz hatten.

Eine Nachricht, das war alles

Alles, was mir von ihm blieb. Ein paar Worte, an die ich mich klammerte, an denen ich mich immer noch festhalte. Ein letztes Mal von ihm Sonnenschein genannt werden, ein letztes ich LIEBE dich. Bevor das große Nichts kam. Ein Knall so laut, dass ich immer noch taub bin. Und dann diese unaushaltbare Stille. Ich wollte diesen Text hier schreiben, um Mut zu machen. Um zu zeigen, es geht weiter, alles hat einen Sinn. Doch beim Schreiben habe ich gemerkt: Ich kann das nicht. Ich stelle fest, dass ich immer noch vieles verberge, um mich nicht noch verletzlicher zu zeigen. Gespräche, in denen das Thema Eltern aufkommt, enden meist in peinlich berührten Gesichtern, in mitleidigen Blicken und unangenehmer Stille. Ein toter Vater ist ein Vibe-Killer für jede Unterhaltung. Ich habe gelernt, mein Lächeln aufzusetzen und mit einem „schon okay“ gekonnt das Thema zu wechseln. Ich dachte immer, ich würde das machen, um meinem Gegenüber kein schlechtes Gefühl zu geben. Doch wenn ich darüber nachdenke, mache ich es vor allem, um mir selbst nicht eingestehen zu müssen, dass ich genau das bin. Verletzt und verzweifelt.

Wenn ich erzähle, dass Papa sich das Leben genommen hat, fühlt es sich meistens an, als würde ich darüber sprechen, was jemand anderem passiert ist. Dass nicht ich das Mädchen bin, was zurückgelassen wurde. Dass es nicht mein Papa war, der sich umgebracht hat. Es ist, als würde ich ein fremdes Geschehen von außen betrachten. Es fühlt sich an, als wäre in meinem tiefsten Innern noch gar nicht angekommen, was geschehen ist. Wie eine große Schutzmauer in mir, die tiefe Emotionen nur zulässt, wenn die Welle an Schmerz so groß ist, dass sie hinüber schwappt. In regelmäßigen Abständen wird alles zu viel. Je mehr ich verdränge, desto schlimmer wird es, wenn es raus muss. Panikattacken, Alpträume – das und vieles mehr gehört zu diesen Phasen. Einerseits habe ich immer Angst, dass es bald wieder so weit ist. Andererseits sind diese Momente auch befreiend. Dann kann endlich raus, was sonst versteckt bleibt. Dann kann ich spüren, was da wirklich in mir ist. Denn tief in mir ist keine Kälte. Die Abgeklärtheit ist nur da, um mich zu schützen. Um zu funktionieren, um mein Leben nicht außer Kontrolle geraten zu lassen.

„Wie viel kann ich ihm bedeutet haben, wenn es ihn nicht abgehalten hat?“

Doch in Wahrheit fühle ich mich zurückgelassen. Es fühlt sich an, als wäre ich nicht genug gewesen. Wäre ich anders gewesen, besser, wäre er dann noch da? Wäre ich es dann wert gewesen, für mich zu bleiben? Doch ich war nicht Grund genug. Wie viel kann ich ihm bedeutet haben, wenn es ihn nicht abgehalten hat? Es passt nicht zusammen, dass ein Mensch sagt, dass er dich über alles liebt und dich trotzdem verlässt. Nichts passt zusammen.

Und wieso habe ich nichts bemerkt? Kannte ich ihn überhaupt, wenn ich nicht gesehen habe, was in ihm vorging? So oft bin ich im Kopf unsere letzten Gespräche durchgegangen, immer und immer wieder. Da waren keine Anzeichen für mich! Keine Anzeichen, dass er so verzweifelt war, dass es keinen anderen Ausweg mehr für ihn gab, er keine andere Option mehr sah. Und immer wieder die gleichen Fragen, die mich verfolgen. Wie hat er sich in seinen letzten Minuten gefühlt, was ging in seinem Kopf vor? Hat er die Nachricht vielleicht doch in der stillen Hoffnung geschrieben, dass ich sie lesen würde? Habe ich ihn enttäuscht, ihn im Stich gelassen? Meine größte Angst ist, dass er sich einsam gefühlt hat. Dass er verzweifelt war, seine Entscheidung noch nicht endgültig gefallen, dass er mir als letzten Hilferuf schrieb und ich nicht da war. Ich war nicht da. Im wichtigsten Moment habe ich versagt. Und dieses Gefühl werde ich nicht los. Es ist eine Last, von der ich weiß, dass sie niemals leichter werden wird.

Und wie trauert man richtig? Verlust ist so persönlich und trotzdem wird der individuelle Umgang damit so oft bewertet und verurteilt. Jemanden zu verlieren geht an die Substanz. Es löst die wohl stärksten Emotionen aus, die es zu fühlen gibt. Wenn mich Menschen fragen, wie ich damit umgehe und klarkomme, weiß ich nicht, was ich antworten soll. Wie soll ich Position beziehen, wenn ich meine Gefühle selbst nicht greifen kann? Es kommt mir vor wie ein ewiger Spagat zwischen den Erwartungshaltungen anderer, dem eigenen Hinterfragen und dem normalen Leben des Alltags.

Verlust, Trauer und Verzweiflung sind Worte, die ein Gefühl, einen Zustand beschreiben. Wir kennen ihre Definition und wissen, in welchem Kontext sie verwendet werden. Doch die Emotionen, die wir in uns tragen, lassen sich manchmal nicht in Worte fassen. Kein Wort, kein Satzgefüge der Welt ist groß genug, um ausdrücken zu können, wie es in mir aussieht. Aneinandergereihte Buchstaben werden dem nicht gerecht.

Ich konnte nichts tun, es ist einfach passiert. Und jetzt kann ich nichts mehr daran verändern. Es ist das, was am schwersten fällt, zu akzeptieren. Dass es endgültig ist. Und wie sehr ich mir auch wünsche, dass es anders wäre, es niemals wieder anders werden wird. So positiv ich normalerweise doch auch bin, so sehr ich in allem etwas Gutes sehe, so sehr ich hinter dem Verlauf meines Lebens stehe, weil er mich dahin gebracht hat, wo ich heute bin: Diesen Tag, diese Nacht würde ich sofort aus meinem Leben löschen, wenn ich könnte. Aber diese Macht habe ich nicht. Und genauso fühlt es sich auch an, machtlos.

Es heißt, die Zeit heilt alle Wunden. Ich glaube, dass sie das kann. Aber nur, wenn die Zeit vergeht. Das tut sie nicht. Sie ist einfach an dem Punkt stehen geblieben, als er gegangen ist. Und ich warte immer noch. Auf ein Zeichen, eine Erklärung, darauf, dass es endlich aufhört, so verdammt weh zu tun. Wenn ich ehrlich bin, Papa, warte ich vor allem darauf, dass du endlich wiederkommst.

Das Experiment „erste gemeinsame Wohnung“
Sex & Love
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Nach zwei Jahren Beziehung und etlichen Lockdowns später, kommt natürlich die Idee auf, zusammenzuziehen. Es ändert sich ja im Großen und Ganzen nichts, man legt zwei Haushalte zusammen und spart sich Kosten. Logisch. Eine Praktische Idee. Gesagt, getan. Wohnung gefunden.

Ein aufregendes Gefühl, die erste gemeinsame Wohnung. Umzug. Vorfreude. Die ersten Wochen sind etwas chaotisch, welche Möbel von wem behält man, was kauft man neu, wer darf die Überhand behalten, wenn es um den Einrichtungsstil geht, wer gibt nach? Da entsteht das erste Problem. Keiner gibt nach. „Wenn es unsere gemeinsame Wohnung ist und es dir von Anfang an so wichtig war, alles 50:50 zu machen, wieso entscheidest dann du die ganze Zeit?“, fragt er mich. „Weil du hier nur den hässlichen Teppich deiner Mutter anschleppst, das Ding will doch keiner sehen!“

Die ersten Diskussionen beginnen. Super. Woran liegt das, frage ich mich, hatte ich die ganze Zeit ein komplett verschobenes Bild vom Zusammenziehen? Hatte ich die Tatsache, dass zwei Menschen nun ihren Alltag und das Leben miteinander teilen, einfach nur stark romantisiert? Die Antwort ist klar und trifft mich wie ein Schlag: Ja. Genau das hatte ich getan.

„Ich hatte dir von Anfang an gesagt, dass ich eine Sache wie Zusammenziehen eher wie ein Experiment sehe, man schaut es sich an und findet dadurch raus, ob es das ist, was man will.“ Wegen dieser Aussage gab es eine Menge Streit, da ich natürlich nicht nachvollziehen konnte, wieso nur ich dieses schöne und rosige Bild eines gemeinsamen Lebens im Kopf hatte, dabei hätte ich es mir eigentlich denken können, wenn ich mein Augenmerk etwas mehr auf die Details gerichtet hätte…

Die Socken habe ich noch nie IM Wäschekorb gesehen, sondern immer nur davor. Seine Schuhe stehen auf dem Boden im Flur und befinden sich nicht IM Schuhschrank. Langsam macht sich ein Muster bemerkbar. Das Geschirr steht AUF der Spüle und nicht IN der Spüle. Oh Verdammt. Ich wasche gerne Wäsche, hasse es aber, sie abzuhängen und gehe davon aus, dass meine bessere Hälfte den vollen Wäscheständer im Wohnzimmer möglicherweise bemerkt, wenigstens aus dem Augenwinkel wahrnimmt oder noch besser sogar von sich aus abhängt. Ich meine, ist doch auch nicht unauffällig, so ein voller Wäscheständer, welcher einem seit einer Woche im Weg herumsteht? Oder?

Einen Schritt zurück. Wieso war unsere Situation so, wie sie war? Wir waren schließlich nicht das erste Paar aus dem Bekanntenkreis, das während einer Pandemie zusammenzog. Ganze vier andere Paare aus unserem Freundeskreis waren kurz vor uns zusammengezogen. „Bei denen funktioniert es doch auch?“, fragte ich mich. Also fing ich an, das Ganze aus einer anderen Perspektive zu sehen. Ein Experiment. Denn wie sich herausstellte, war nur ich die Person, die mit der neuen Situation überrumpelt war, er schien ganz gut und gelassen damit umzugehen. Der Alltags-Trott, das Festsitzen, jeden Tag dasselbe erleben. Nur eben gemeinsam in der eigenen Wohnung. Das war doch alles, was ich je wollte… Oder? Auf einmal war ich mir da nicht mehr so sicher, da mich alles nervte oder aufregte. Dann auch noch Home-Office. Sich ein Büro teilen. Den ganzen Tag von morgens bis abends nebeneinander und aufeinander sitzen. Meine persönliche Hölle. Nur war mir das bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst, dass ich diejenige sein würde, die auch mal ihre Ruhe wollte. Bis dato war das nämlich immer genau umgekehrt und ich konnte es nur selten nachvollziehen, wieso er denn nun ein paar Tage Abstand von mir wollte, wir hatten uns doch gar nicht gestritten?

Ein emotionales Auf und Ab

Es folgte ein Streit nach dem anderen, eine miese Laune nach der anderen. „Wieso bist du denn schon wieder so schlecht drauf?“, fragte er mich fast täglich. Ich konnte es nie beantworten. Steckte ich in einer Depression? Hatte ich Bindungsängste? War die Beziehung doch nicht das, was ich all die Jahre in meinem Leben vermisst hatte? Für mich war alles glasklar: Er ist das Problem. Er versteht mich nicht. Er muss gehen. Punkt. Ein großer Knall. Er ging nicht. Zum Glück.

Nun leben wir bereits seit sechs Monaten zusammen und es fühlt sich bereits so an, als wären es sechs Jahre. Ich schaue in den Spiegel und frage mich, wieso ich es ihm und mir selbst so lange so schwer gemacht hatte. Die Antwort ist so simpel, dass ich mich fast dafür schäme: Es gab keinen Grund. Ich musste mich nur daran gewöhnen, dass mein Leben nun etwas anders aussieht, ich nicht mehr allein einschlafe und aufwache. Und auf einmal war es so, wie ich es mir die ganze Zeit gewünscht hatte. Romantisch, echt, ehrlich. Wenn mich etwas stört, spreche ich es an und er hört mir zu. Wenn einer von uns eine kleine Auszeit braucht, schließt man die Türen und gibt sich Freiraum.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und schreckt vor jeglichen Änderungen zurück, auch wenn es seine Idee war, diese anzustoßen. Was für ein verrücktes Experiment. Ich war nie glücklicher.

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Mein Zug fährt vom Berliner Hauptbahnhof. Wie immer treibt mich die Angst, diesen zu verpassen, etwas früher ans Bahngleis. Heute bin ich besonders früh da und sitze auf der einzig sonnengelegenen Bank mittig zwischen Gleis 13 und Gleis 14. Auf Gleis 14 steht ein ICE nach Zürich bereit und vor ihm tummeln sich die letzten Skiurlauber des Jahres. Ich beobachte aufmerksam eine Gruppe von Männern. Dosenbier trinkend beschallen sie mit lauter Après-Ski-Musik das Bahngleis. Sie lachen und sind sichtlich in Urlaubsstimmung. Für einen kurzen Moment verliere ich mich in der Beobachtung dieser Szenerie, bis die aus den Lautsprechern tönende Bahndurchsage meine Aufmerksamkeit wieder auf sich lenkt: „Auf Gleis 13 fährt ein: ICE 2308 aus Warschau. Vorsicht bei der Einfahrt.“

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[Triggerwarnung: Dieser Text enthält explizite Beschreibungen einer Panikattacke.]

Atme, denke ich. Alles ist gut. Nichts ist gut, antwortet mein Körper, während irgendwo ganz tief in meinem Bauch ein Gefühl der Unruhe mit gewaltiger Wucht gegen meine Rationalität anzukämpfen versucht. Sei nicht albern, denke ich. Ein Schritt vor den anderen, Rücken gerade, die Schultern einmal ausschütteln. Es wird nicht passieren, ich habe die Lage im Griff. Linker Fuß, rechter Fuß, Blick nach vorne, zielgerichtet, bis ich mein Auto erreiche. Ich fühle mich wahnwitzig, als ich die Tür aufreiße und noch im selben Atemzug hinter mir schließe, als verfolge mich irgendjemand, der in Wahrheit gar nicht existiert. Beide Hände um das Lenkgrad, Stabilität spüren, die Füße in den Boden drücken. Atmen. Ich atme schneller, als ich will. Atme langsamer, Gott verdammt! Mein Herz bricht aus seinem gewöhnlichen Rhythmus aus. Wird schneller und schneller. Das Gefühl in meinem Bauch bahnt sich seinen Weg in meine Brust, droht, sie zu sprengen.

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