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"Erfahrungen eines schönen Mädchens"

Die Macht männlicher Blicke auf weibliche Körper

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Kürzlich saß ich an einem frühherbstlichen Sonntagnachmittag in so einem Berliner Café, welches Kurkuma Latte, fünf verschiedene Milchalternativen und To-Go-Getränke in Marmeladegläsern serviert. Zu Gast waren junge Familien mit ihren Kindern, Mittzwanziger:innen mit Mullett-Frisur und Tourist:innen auf dem Weg zum Tempelhofer Feld. Ich packte mein Buch aus, bestellte einen Hafer-Cappuccino und fügte mich vermutlich ganz wunderbar in das Gesamtbild ein.

Ein paar Kapitel später hielt ein bärtiger Typ auf einem Vintage-Rennrad vor mir und fragte mich, was ich da lese. Ich glaubte, ein wenig Enttäuschung über sein Gesicht huschen zu sehen, als ich meinen Roman mit einem Frauenportrait und hellblauem Hintergrund auf dem Cover hochhielt: „Erfahrungen eines schönen Mädchens“. Es schien ihn nicht sonderlich zu catchen, zu viel „Frauenroman“, zu viel Kitsch vielleicht. Im nächsten Satz erzählte er mir, er selbst sei Schriftsteller und verfasse vorwiegend Gedichte. Wahrscheinlich hätte ich mit Hermann Hesse oder Rilke an dieser Stelle mehr punkten können. Robert – so stellte er sich zum Ende unseres kurzen Gesprächs vor – konnte zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, wie gut unsere kleine Begegnung zu meinem Buch passte.

„Erfahrungen eines schönen Mädchens“ von Kate Alix Shulman wurde vor etwa 50 Jahren herausgegeben und erst dieses Jahr ins Deutsche übersetzt, obwohl es als Klassiker feministischer Literatur gilt. Die Autorin blickt in ihrem Roman vornehmlich auf heterosexuelle Beziehungen aus der Sicht einer weißen Frau der Mittelschicht, die den westlichen Schönheitsidealen entspricht. Es ist also lange nicht so divers, wie wir heute Themen besprechen sollten, aber es zeigt einen Ausschnitt der Gesellschaft, aus welcher wir kommen und in welcher wir teilweise immer noch feststecken. 

Das Buch erzählt von der Jugend und dem Erwachsenwerden der jungen Sasha im Bürgertum der USA in den 70er Jahren. Es erzählt von einer ambitionierten, mutigen und intelligenten jungen Frau, von Highschool, Studium, Beziehungen, Ehe, Scheidung und Schwangerschaft. So weit, so normal. Doch während vordergründig normale Lebensabschnitte durchlebt werden, geht es implizit um viel mehr: Es geht darum, wie es, ist, als Mädchen vor den Blicken von Männern zur Frau zu werden und um all die Erlebnisse, die damit einhergehen. 

Schönheit als Wert einer Frau

Protagonistin Sasha wird in dem Glauben aufgezogen, dass ihre Zukunft durch Heirat und Familie unweigerlich in Abhängigkeit von einem Mann stehen wird und ihr Wert als Frau sich dabei maßgeblich auf den Faktor ihrer Attraktivität beläuft. Als Jugendliche schreibt sie in ihr Tagebuch: „Meine Mutter hatte Recht. Das Einzige, was ein Mädchen im Zusammenhang mit ihrer Zukunft in der Hand hatte, war die Wahl ihres Mannes. Es gab nicht viel, was ein Mädchen tun konnte, um von diesem Recht Gebrauch zu machen. Es war an ihr, jeden ihrer natürlichen Vorzüge so gut es ging in Szene zu setzen, um sich so attraktiv wie möglich zu präsentieren“. 

Nur die, die schöner ist als ihre Konkurrentinnen, wird ein gutes Leben führen – an diesem Glaubenssatz hangelt sich Sasha durch ihr Leben. Trotz großer Träume drängt sie der Wunsch als schön und gut bestätigt zu werden, immer wieder in die Abhängigkeit von Männern. Sie wird zu einer Getriebenen, Zeit, Alter und die jüngeren Frauen arbeiten gegen sie. Jede Begegnung, Affäre und Beziehung lässt sie letztendlich wieder alleine mit der Frage zurück: Bin ich schön?

Konsum und Attraktivität

Die Soziologin Eva Illouz betrachtet in ihrem Buch „Warum Liebe Endet“ Liebe und Sexualität im Kontext des Kapitalismus, also einer Gesellschaftsform, welche auf Konsum und dem Begehren von Waren beruht. Sie hebt dabei hervor, dass in unserer visuellen Bewertung einer Person Konsumobjekte dazu beitragen, ob wir jemanden attraktiv finden oder nicht (vgl. Illouz 2020: 188f). Denken wir mal an Robert aus dem Café zurück und wie ich ihn anhand seines Fahrrads, seiner Kleidung und seiner Frisur in eine soziale Schublade schob, mit welcher ich mich identifizieren kann und die ihn deshalb direkt interessanter für mich macht.

Oder an Sasha, die, um ihre Schönheit zu sichern, unglaublich viel Aufmerksamkeit, Zeit und auch Geld in ihr Äußeres investiert. Sie versucht ständig, ihren Körper durch bestimmte Pflegeprodukte, Sport und Kleidung zu verbessern und möglichst vorteilhaft zu präsentieren. Sie gibt Geld für Dinge aus, von denen sie sich eine "Aufwertung ihres Körpers" erhofft.

So gesehen ist es doch also unglaublich praktisch, Frauen zu verklickern, ihre Schönheit mache sie begehrenswerter, interessanter und wertvoller. Denn die Waren, die diese Schönheit erhöhen, treiben ein Wirtschaftssystem an, an deren Spitzen zu Saschas Zeit fast ausschließlich Männer saßen. Aber ich möchte hier nicht in Kapitalismus-Kritik abschweifen, sondern darauf blicken, was das mit den Frauen macht, was das mit mir macht: Genau wie Sasha gehen so viele Mädchen und Frauen mit dem Gefühl durch das Leben, ihr Körper sei defizitär und etwas, was es zu verbessern gilt, um vor dem männlichen Blick zu genügen.

Bin ich (schön) genug?

In "Erfahrungen eines schönen Mädchens" folgt man Sasha durch die absurdesten Gedankengänge, die sich immer wieder darum drehen, endlich Gewissheit über die große Frage nach ihrer Schönheit und letztendlich auch ihrem Wert zu erlangen. Das wird besonders deutlich, als sie eine Weile an einer Rezeption arbeitet und dort die eintretenden Kunden:innen begrüßt. Aus Langeweile entwickelt sie ein Spiel: Bei jedem neuen Kunden rät sie zuvor, welche „Sorte Mann“ wohl als nächstes hereinkäme und beschreibt, dass sie dabei subtile Tests und Kriterien entwickelt, um herauszufinden, ob der Mann sie begehre. Bei diesem Spiel ist nebensächlich, wer der dieser Mann ist oder ob Sasha ihn überhaupt interessant findet. Es ist völlig egal, wer dort steht, so lange die bewertende Instanz ein Mann ist. Denn dort liegt in ihrer Realität nun mal die Deutungshoheit über Schön und nicht Schön.

Das Fiese daran ist, dass mir viel zu viele dieser Gedanken schmerzlich bekannt vorkommen. Ich kenne diese Suche, dieses Umschauen nach Bestätigung. 

Rückblickend auf meine Jugend sehe ich, wie sehr mich der Gedanke an die Bewertung meines Körpers eingeschränkt hat, wie viel Zeit dabei drauf gegangen ist, mich damit zu beschäftigen, wie ich mich verbessern könnte und wie oft ich lieber einfach Zuhause geblieben wäre, als mich diesen vermeintlich mächtigen Blicken auszusetzen. Heute ist das anders, besser, aber nicht weg. Es gibt immer noch diese Tage, an denen ich nicht okay mit mir bin, mich nicht zufrieden und gut fühle. Gerade an solchen Tagen erwische ich mich dabei, wie ich mich beim Spazierengehen, in der U-Bahn und beim Einkaufen umschaue, darauf achte, ob mich jemand wahrnimmt und mir die Bestätigung gibt, die ich an dem Tag nicht aus mir selbst hervorbringen kann. 

Fehlender/mangelnder Selbstwert als individuelles Problem?

Am liebsten würde ich all das gar nicht zugeben, ich würde so viel lieber über all dem stehen. Es macht mich wütend, als ach-so-aufgeklärte und reflektierte Frau immer noch in dieses Denkmuster zu rutschen, in welchem ich meinen Wert meinem Äußeren und von Männern abhängig mache. 

Ein Ex-Freund, ein weißer Cis-Mann, hat mir bezüglich meiner Selbstzweifel mal gesagt, ich habe ein zu geringes Selbstwertgefühl. Vielleicht hat er Recht, zumindest an manchen Tagen, aber das ist aus seiner Position auch wirklich so verdammt leicht zu sagen. Es ist so verdammt leicht, einer Frauen zu sagen, sie habe ein Problem mit ihrem Selbstwert. Es ist so leicht, dieses „Problem“ als ein seltenes, individuelles Schicksal zu behandeln und es der Frau zu überlassen, sich um ihr psychisches und physisches Wohl zu kümmern. Und es ist auch so leicht, dabei zu ignorieren, dass wir wohl oder übel nun mal in eine patriarchalen Gesellschaft geboren wurden und dass das eigentliche Problem viel tiefer verwurzelt liegt. 

Vieles ist anders, nicht alles ist gut

Obwohl soziale Medien immer noch teilweise utopische Körperbilder vermitteln, Trends immer schneller werden und es immer mehr Dinge gibt, die wir laut Werbung unbedingt brauchen, ist da ein bisschen Hoffnung, dass Strukturen sich doch irgendwie, irgendwann wandeln werden. Denn glücklicherweise ist vieles nicht mehr so, wie es in dem Buch beschrieben wird. Als Shulman das Buch in den 70ern erstmals herausbrachte, war sie eine Pionierin. Es gab keine Begriffe für sexuelle Gewalt, Nötigung, Übergriffigkeit oder Vergewaltigung in der Ehe. Solche Erfahrungen von Frauen wurden belächelt oder totgeschwiegen. Man sprach einfach nicht darüber. Und dann verfasste sie diesen Roman, der das Leben so vieler Frauen plötzlich sichtbar machte.

Heute haben wir Worte dafür. Heute kann ich ganz selbstverständlich studieren, mein eigenes Konto eröffnen, heiraten oder es lassen, mich für oder gegen das Muttersein entscheiden. Ich glaube auch, dass der männliche Blick in unserer Gesellschaft nicht mehr so viel Macht hat wie damals, dass viele Frauen sich sehr viel freier davon fühlen als ich. Egal, wo man sich auf diesem Spektrum befindet, ist es gut zu verstehen, warum sich solche Glaubenssätze manchmal noch an die Oberfläche bahnen, warum es mir an manchen Tagen nicht egal ist, was ein dahergelaufener Robert mit seinem Vintage-Rad von mir denkt und vor allem, dass ich nicht alleine damit bin. 

8m