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Lieber alter weißer Mann: Ich sehe und verstehe dich

Offene Worte an den Priviligiertesten unserer Gesellschaft

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Deine Geschlechtszuordnung ist eher männlich als weiblich, du bist im fortgeschrittenen Alter, 50+, und deine Hautfarbe ist Weiß. Traditionen sind dir wichtig und du hältst an der klassischen Rollenverteilung fest. Du bist eher konservativ, tendenziell wohlhabend, gebildet und vor allem eins: einflussreich. Du verspürst den andauernden Druck, dich zu beweisen und bist der Ansicht, dass nur hoch entlohnte Arbeit dir würdig ist. Du setzt Stärke und Macht mit Männlichkeit gleich. Deiner Ansicht nach ist der zweite Platz der erste Verlierer – daher gibt es bei dir keine andere Option als das Gewinnen. 

Du bist es nicht gewohnt, hinterfragt zu werden und machst dir keine großartigen Sorgen über deine Außenwirkung. Schließlich hat deine Meinung Gewicht. Du empfindest deine Macht als selbstverständlich und teilst diese auch eher ungern. Durch dein zufälliges Geburtsprivileg fällt es dir schwer, anzuerkennen, dass deine Leistung nicht nur deine Leistung ist, sondern auch zum Teil mit deinem Status in der Zivilgesellschaft zusammenhängt.

Du siehst dich selbst als unfehlbar und erklärst anderen, insbesondere Frauen, gerne, „wie die Welt wirklich ist“, zeigst dich gönnerhaft und paternalistisch. In deiner Welt existieren keine anderen Lebensrealitäten, du umgibst dich gern mit Deinesgleichen. Dabei bist du eher auf dem Golfplatz als auf Twitter anzutreffen, denn die Digitalisierung macht dir Angst.

Durch deine gesellschaftliche Stellung gehörst du zu der am wenigsten diskriminierten Gruppe. Herzlichen Glückwunsch!

Aber wie gehst du mit diesem Privileg um? Viele alte weiße Männer verhalten sich falsch. Warum, fragst du? In deinen Augen erscheint alles gut. Du bist von den bestehenden Ungerechtigkeiten nicht betroffen. Aber ich möchte dir ein paar Fakten vor Augen führen:

Noch heute, im 21. Jahrhundert, entscheiden Männer über die Selbstbestimmung der Frau, erst seit Juni 2017 gibt es die Ehe für alle und die Kluft zwischen Arm und Reich wächst stetig. Frauen verdienen für die gleiche Tätigkeit noch immer weniger als Männer und sind somit öfter von Altersarmut betroffen. Menschen mit einer Migrationsgeschichte bekommen schwieriger Wohnungen oder Jobs und jede dritte Frau hat in ihrem Leben schon einmal körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren.

Zudem erwecken die Skandale der vergangen Jahre den Eindruck, dass einige Männer in mächtigen Positionen nicht aus Idealismus, sondern aus Eigeninteresse ihre Funktion ausüben. Denn weder die Politik, noch die Wirtschaft spiegelt unsere gesellschaftlichen Strukturen wider. Wenn das Handeln alter weißer Männer in Frage gestellt wird, wird sich lautstark darüber empört. Ich verstehe, dass dich die Kritik verletzt. Es ist die erste Epoche, in der Witze über dich, den „alten weißen Mann“, gemacht werden. 

Du fühlst dich von dem Wandel, der uns bevorsteht, bedroht. Dieser Wandel bringt deine Lebensrealität ins Wanken. Die letzten Jahrhunderte haben weiße Männer fortgeschrittenen Alters die wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Positionen bekleidet und auf diese Weise die Geschicke der Welt bestimmt.

Es scheint, als müsstest du deine Rolle in der Gesellschaft neu definieren. Das schürt Angst vor dem Unbekannten.

Du fühlst dich von der Digitalisierung, den Sozialen Medien und Buzzwords wie "Big Data", "KPI", "New Work", "Employer Centricity", "Design Thinking", Corporate "Social Responsibility" oder "VUCA" abgehängt. Diese Worte sind nicht in deinem alltäglichen Sprachgebrauch zu finden. Unsere Gesellschaft entwickelt sich rasant weiter, wir denken und handeln anders. Frauen wollen gleichberechtigte Teilhabe in Politik und Wirtschaft, die junge Generation erwartet Mitbestimmung und eine Work-Life-Balance. All das gab es in deiner Jungend nicht. Du hattest nicht die gleichen Chancen wie ich heute. Ich wurde in eine Welt geboren, die Menschen wie du erbaut haben. Da fällt es schwer loszulassen. Durch deine Einstellung, alles alleine schaffen zu müssen, entspricht es nicht deinem natürlichen Verhalten, jüngere nach Hilfe zu fragen. Wir leben in einer Welt, in der die Frage nach Hilfe eine Schwäche darstellt. Aber wäre es nicht mal einen Versuch wert? 

Ich möchte, dass du eines verstehst: Mir geht es nicht um deine Hautfarbe, dein Geschlecht oder dein Alter. Auch nicht darum, dir deine Fähigkeiten abzusprechen oder positive Leistungen in Frage zu stellen. Ich bin dankbar und demütig, in eine Welt wie diese hineingeboren zu sein. Ich möchte nicht kleinreden, dass es auch alte weiße Männer gibt, denen es sowohl finanziell, als auch gesellschaftlich schlecht geht. Ich möchte zum Dialog einladen und Brücken schlagen. Zeigen, dass wir gemeinsam so viel mehr schaffen können als alleine und dass ein Gegeneinander noch keinen weitergebracht hat. Warum nutzen wir nicht unsere Privilegien, um anderen Chancen zu eröffnen und voneinander zu lernen? Ich bin mir sicher, dass ich von dir, alter weißen Mann, sehr viel lernen kann. Dennoch bin ich auch fest davon überzeugt, dass du von mir ebenso lernen kannst.

Ich möchte dir die Last nehmen. Du musst nicht andere unterdrücken, um deine Macht zu beweisen. Du musst nicht immer in Eile sein und als erster durch die Ziellinie laufen. Du kannst deine toxische Männlichkeit loslassen und deine eigene Fehlbarkeit als das akzeptieren, was es ist – menschlich. Ich möchte dich ermutigen, aufzuhören, bestehende Narrative über Männlichkeit zu verteidigen. Du kannst dich von deiner Einstellung gegenüber dem Feminismus verabschieden und diesen als das anerkennen, was er ist: eine Befreiung für beide Geschlechter.

Warum tun wir uns nicht zusammen, um die großen Herausforderungen zu meistern? Der Klimawandel, Fachkräftemangel und eine zukunftsfähige Wirtschaft sind nur einige der Themen für die Zukunft. Ich möchte, wenn ich in deinem Alter bin, noch auf einer lebenswerten Erde leben und Teil einer Gesellschaft sein, in der alle Lebensrealitäten eingeschlossen sind und ethisches Handeln und Chancengleichheit die Norm ist. Ich möchte meinen Kindern und Enkeln von den Herausforderungen und Lösungen unserer Zeit erzählen und sie dazu ermutigen, ebenso kooperativ an ihren Aufgaben zu arbeiten, wie wir es einst taten. 

Lieber alter weißer Mann, ich sehe und verstehe dich. Siehst und verstehst du mich auch?

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