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Nach der Trennung die Selbstoptimierung: Muss das sein?

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Trennungen – von Lebensabschnitten, Menschen, ja sogar Teilen der eigenen Identität – gehören zum Leben einfach dazu. Der französische Philosoph und Psychoanalytiker Paul Ricœur drückte dies einst so aus: „Man findet sich nur, indem man sich verliert.“

So schmerzhaft und unbegreiflich Trennungen manchmal auch sein mögen, so sind sie die unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung unserer eigenen Identität.

Dass nicht jede Entwicklung ein Fortschritt ist, davon handelt dieser Text.

Aus der hintersten Ecke meines Zimmers krame ich einmal mehr meine Erinnerungskiste hervor. Nach jeder Trennung deponiere ich dort, fast rituell, all die gemeinsamen Fotos, Postkarten, Briefe und sonstigen Erinnerungsstücke. All das, was in mir auch nur den kleinsten Tropfen Wehmut erzeugen könnte.

Aus den Augen, aus dem Sinn. Doch dieses Mal ist es anders. Noch einmal lese ich Wort für Wort, Zeile für Zeile und mit jedem gemeinsamen Foto spielt sich vor meinem geistigen Auge ein Kurzfilm unserer gemeinsamen Zeit ab.

Wie konnte es nur so weit kommen?

Etwa zwei Jahre waren wir zusammen. Mal mehr, mal weniger glücklich. Sie zog aus beruflichen Gründen nach Köln und ich folgte ihr. Wir wohnten zwar nicht zusammen, aber in unmittelbarer Nähe zueinander. Zwei Wochen, nachdem ich in Köln angekommen war, rief sie mich eines Sonntagabends an. Es sei ihr alles zu viel. Ihr fehle die Leichtigkeit in unserer Beziehung. Nach all unseren Streitereien habe sie den Glauben an die gemeinsame Zukunft verloren. Sie wolle jetzt vor allem eines – Zeit für sich und Abstand. Rückblickend betrachtet kam das nicht unerwartet, ich wollte es wohl einfach nicht wahrhaben. Der Mit-Umzug war der naive Rettungsversuch meinerseits. Und nun war ich hier in einer fremden Stadt. Auf mich allein gestellt. 

Es war nicht meine erste Trennung. Jedoch das erste Mal, dass ich mich richtig verlassen fühlte. Indem ich alles auf eine Karte setzte und ihr folgte, ging ich wissentlich ein hohes Risiko ein – und ich verlor. Mal gewinnt man, mal verliert man, richtig? So ist das Leben, dachte ich. Doch hatte ich nicht nur verloren, ich fühlte mich auch wie ein Verlierer.

Mein bester Freund riet mir: „Du musst jetzt stark sein.“ Ich solle das Positive, die Chance darin sehen, unabhängig zu sein. Positiver Egoismus ohne Rücksichtnahme. „Wenn du unglücklich wirkst und dich hängen lässt, hast du keine Chance, dass sie jemals zu dir zurückkommt. Zeig ihr, dass du auch ohne sie glücklich sein kannst.“ 

„Niemand kann jemanden glücklich machen, der selbst nicht glücklich ist.“

In diesem Satz hallte das Echo aller Verletzungen und Schuldzuweisungen über die zerbrochene Beziehung mit. Dieser Satz, der mir zuvor immer wie ein Kalenderspruch vorkam, entpuppte sich in dieser Phase für mich als meine Wahrheit. Also stieg ich immer tiefer in die Literatur der Selbstoptimierung ein. Die Trauer sollte der Hoffnung weichen. Hoffnung darauf, ihr eines Tages sichtlich verändert und glücklich über den Weg zu laufen, um ihr vor Augen zu führen, wie unentbehrlich ich doch sei. Sport, Meditation und eine ausgewogene Ernährung wurden zu meiner Tagesroutine. Immer dann, wenn ich drohte in tiefe Trauer zu verfallen, zwang mich meine Fitnessuhr in Richtung Fitnessstudio. Die Tagesroutine wurde zu meinem Lebensstil. Ein Lebensstil, der mir Glück versprach. Und dieses Versprechen sollte sich auch erfüllen, bis…

Der gute Wille, der Böses schafft

Leider hörte es damit nicht auf. Nach Monaten der Optimierung meines Alltags reichte mir mein selbstempfundenes Glück nicht mehr aus. Ich wollte auch noch, dass alle anderen mitbekommen, was ich geschafft hatte und wie glücklich ich dabei war. Ich fing an, in regelmäßigen Abständen Storys auf Instagram zu posten. Dabei war das erste, was ich machte, nachzuschauen, ob sie es sich angesehen hatte. Getrieben von der Vorstellung, ihr zu zeigen, wie glücklich ich war, postete ich immer mehr. Meine Vorstellung, ihr eines Tages über den Weg zu laufen, entwickelte sich zum alltäglichen Tagtraum. Immer und immer wieder versank ich gedanklich darin, mir fiktive Begegnungen mit ihr vorzustellen. Bis ins kleinste Detail wusste ich, was ich sagen und, ja, sogar was ich tragen würde. So kam es nicht.

Eines Tages – es war an einem kalten Herbstabend – da lief ich ihr ganz unbedacht entgegen. Ich war in der Stadt, um noch ein paar Erledigungen zu machen, als ich sie in der Fußgängerzone traf. Mein Herz zersplitterte in tausend Teile. Ich ging direkt auf sie zu und begrüßte sie ganz unverfroren. Ihr war die Begegnung ebenso unangenehm wie mir, das war ihr anzusehen. Trotzdem entschieden wir uns dazu, nach einem kurzen Augenblick des Zweifels gemeinsam einen Kaffee trinken zu gehen. 

Als sie mir im Café gegenübersaß, war mein erster Impuls, ihr zu sagen, wie schön sie sei. Ich erwähnte auch, dass ich ein paar ihrer Arbeiten gesehen hatte und diese für ganz gut hielt. Dann erzählte ich ihr in einem endlosen Monolog von meinen letzten Monaten, meinen Erfolgen und wie gut es mir seit unserer Trennung ging. Ohne darüber nachzudenken, wie sie sich wohl dabei fühlen würde, erzählte ich ihr sogar von all den Frauen, mit denen ich intim wurde. Sie war sichtlich davon mitgenommen. Trotzdem machte ich weiter.

Es war wohl der Druck ihr etwas beweisen zu wollen, mein Image zu wahren, mich wie ein Gewinner zu fühlen, der mir in diesem Moment wichtiger war als die Wirklichkeit, wichtiger als sie. Mein ganzes Auftreten versprühte Überlegenheit. Ihr zu sagen, wie schön ich sie doch fände, mir ein Urteil über ihre Arbeit zu erlauben – es war viel mehr eine Entwertung als ein tatsächliches Kompliment. ‍

Das „zu viel des Guten“

‍Mein Eifer und Geltungsdrang machten mich blind. Im Tunnel der Selbstoptimierung tat ich alles, außer ernsthaft meine Trennung aufzuarbeiten. Mein Kompliment, die Beurteilung ihrer Arbeit und meine Selbstdarstellung waren die Projektion meines Selbstwertgefühls. Ich tat ihr das an, was ich mir selbst tagtäglich antat. Nach dem Prinzip: „Du sollst fühlen, was ich fühle. Du sollst so sein wie ich, dann fühle ich mich nicht ängstlich, beschämt und allein gelassen.“ So wurde sie ein Teil von mir selbst, obwohl wir uns getrennt hatten.  

Ich stand vor dem Dilemma, dass sie der Mensch war, den ich zurückwollte. Für den ich Gefühle hatte und zu dem ich ein Bedürfnis nach Nähe empfand. Zugleich war sie der Mensch, den ich niedermachen musste, um mich selbst besser zu fühlen. Meine Selbstoptimierung war die alltägliche Folteranlage in der ich mir mit jeder Story, mit jedem Tagtraum, immer wieder unterbewusst vor Augen führte, dass ich so, wie ich war, nicht gut genug sei. Nicht liebenswert. Beziehungsunfähig. Dass ich von ihr die Bestätigung brauchte, die ich mir selbst nicht geben konnte. 

Die wahren Gründe meiner Trennung schloss ich tief in mich hinein, genau wie die Fotos in meine Erinnerungskiste. So war die schmerzhafte Erfahrung der Trennung für mich emotional nie zugänglich. Unsere Geschichte wurde damit nie zur Vergangenheit, blieb stattdessen immer präsent. Ich konnte nicht loslassen, keinen Schritt nach vorne gehen. Jeden Fortschritt, den ich glaubte zu machen, war ein Schritt weiter weg von der Aufarbeitung und Bewältigung meines Schmerzes. Am Ende baute ich nichts auf, verblieb mit den Ruinen einer Vorstellung. ‍

Ich wünschte mir hätte jemand gesagt, dass…

nicht jede Erfahrung im Leben ein Fortschritt sein muss. In Zeiten der Trauer schenken uns Sätze wie „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker“ Zuversicht und Halt. Gleichzeitig bringen sie Druck mit sich. Den Druck, eines Tages wie der Phönix aus der Asche aus einer Krise emporzusteigen. Endlich glücklich und bereit für etwas Neues zu sein. Doch so schön und verlockend diese Vorstellung auch sein mag, schafft sie vor allem eines – eine Menge Kopfzerbrechen. Und das in einer Phase, die für sich schon schwierig genug ist. Niemand sollte sich den Druck auferlegen lassen, an Schicksalsschlägen immer wachsen zu müssen. Im schlimmsten Fall schadet man sich damit nur selbst. Und das wäre doch wirklich zu viel des Guten. 

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