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Lass mich deine Körperhaare sehen

Du findest du deine Körperbehaarung auch eklig? Dann lies weiter.

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Meine Körperhaare lasse ich seit ein paar Monaten überall wachsen: Achseln, Beine, Intimbereich, Bauch, Brüste. Meine Schamhaare hatte ich immer öfter schon nicht mehr vollständig entfernt – das tägliche Rasieren bzw. die lästigen Stoppel danach gingen mir zu sehr auf den Puffer. Meine Achseln und Beine hatte ich allerdings noch nie zuvor behaart gesehen. Mit meinen 31 Jahren wusste ich nicht, wie mein Körper in seinem Normalzustand aussieht. Das fand ich einfach zu verrückt, um es nicht auszuprobieren und herauszufinden.

Natürlich ist das auch ein Prinzipien-Ding. Ich lasse mir die Achsel- und Beinhaare wachsen, gerade weil es so sehr anekelt und empört. Ich will einfach wissen, ob ich meine Achselhaare genau so eklig finde, wie die von Frau Tauchert – meiner Deutschlehrerin in der 9. Klasse, die für ihre haarigen Achseln von uns aufs Äußerste verurteilt wurde. Und dann will ich verstehen, warum ich die Achselhaare von meinem Mann gerne streichle und meine nur mit gequälter Miene betrachten kann. Ich will aber auch herausfinden, ob mein Mann meine Achselhaare irgendwann nicht als Turnoff bezeichnen wird.

Ich bin gerade noch in einer Phase, in der ich zwischen “Wtf, wie sieht das denn aus?” und “Hm, eigentlich ganz witzig” täglich hinund her schwanke. Ästhetisches Gefallen rührt wohl von wiederholtem Ansehen. Ich hoffe also auf den “Mere-Exposure Effekt” und warte darauf zu erfahren, wie lange ich meine Achsel- und Beinhaare ansehen muss, bevor ich endlich aufrichtiges Gefallen an ihnen entwickle. Denn eins ist klar, vollständig rasiert zu sein war nicht immer das oberste Gebot.

Trotzdem galten wild wuchernde Körperhaare lange als völlig normal, vor allem unter Europäer:innen.

Die Entfernung von Körperhaaren wurde bereits bei den alten Ägyptern, im antiken Griechenland und im Römischen Reich praktiziert. Zu jeder Zeit spielten sowohl ästhetische, als auch hygienische Gründe eine Rolle. Insbesondere für Prostituierte war die Intimrasur essentieller Bestandteil ihrer Körperpflege (als Kampf gegen Parasiten und Läuse). Trotzdem galten wild wuchernde Körperhaare lange als völlig normal, vor allem unter Europäern. Haarentfernung wurde bis ins 19. Jahrhundert als eine lästige, schmerzhafte und potenziell gesundheitsgefährdende Angelegenheit angesehen. Die Vorstellung "übermäßiger" Körperbehaarung war ein fremdes Konzept. Das galt offenbar für Männer und Frauen gleichermaßen.

Erst durch Darwin und seine Anhänger konnte Haarlosigkeit als ein Zeichen überlegener Schönheit und Sauberkeit gedeutet werden. Diese Deutung wurde übrigens nicht nur zur Abgrenzung des Menschen gegenüber Tieren genutzt, sondern insbesondere auch zur rassistischen Unterscheidung von Menschen. Spätestens seit der Vermarktung des ersten Rasierers für Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die unrasierte Frau allmählich zum ästhetischen Wunschbild geworden. Besiegelt wurde dieser Trend dann durch den Bikini, den Minirock und die immer freizügiger werdende Kleidung für Frauen.

(...) das Rasieren wurde vielmehr mit Prostituierten oder Kleinbürgern assoziiert.

Auch wenn es heute für viele so scheint als wären Frauen schon immer vollständig rasiert gewesen, ist die komplette Glattrasur historisch betrachtet ein modernes Phänomen. In den 70er und 80er Jahren war es ganz normal, unrasiert zu sein. Im wilden Berlin der 80er-Jahre war es eher unüblich, eine rasierte Frau zu sehen. Keine:n schienen die Haare unter den Achseln oder im Intimbereich zu jucken. Im Gegenteil, das Rasieren wurde vielmehr mit Prostituierten oder Kleinbürgern assoziiert. US-Amerikaner:innen, die den Trend zur Komplettrasur bereits früher für sich entdeckt hatten, betrachteten Berliner Frauen als chaotische und unhygienische Punks oder Hippies.

Fairerweise waren die Voraussetzungen für die eigene Körperpflege in Berlin nicht immer optimal. Wenn sich keine eigene Dusche in der Wohnung befindet und eine Katzenwäsche am Waschbecken normal ist, wird das Rasieren schnell zum Luxusproblem. Das änderte sich allmählich in den 90er-Jahren. Mit vermehrter Werbung für Rasierer und Haarentfernungscremes konnten immer mehr Frauen vom glatten Schönheitsideal überzeugt werden. In den letzten 20 Jahren kamen Waxing und permanente Haarentfernung durch Laseranwendungen als neue Trends dazu.

Natürlich war das Unrasiertsein auch damals schon ein feministischer Akt und nicht ausschließlich den erschwerten Voraussetzungen für die eigene Körperpflege geschuldet. Das Wachsen der Körperhaare galt spätestens seit den 70er-Jahren als Symbol der sexuellen Befreiung der Frau und der Forderung nach Gleichberechtigung. Auch wenn diese Gedankengänge nicht verloren gegangen sind und wir jährlich durch #januhairy auf Instagram daran erinnert werden, dass es völlig okay ist, Körperhaare wachsen zu lassen, ist die Realität der meisten Frauen in Deutschland und der westlichen Welt eine andere.

Laut einer Studie entfernen über 90% aller deutschen Frauen freiwillig ihre Achsel- und Beinhaare (Quelle). In den USA entfernen mehr als 99% aller Frauen ihre Körperhaare. Mehr als 85% tun das regelmäßig. Über ihre komplette Lebenszeit hinweg verbringen Frauen mittlerweile im Durchschnitt zwei Monate damit, ihre Körperhaare zu entfernen und geben mehr als $10.000 dafür aus (Plucked, R. Herzig). Dazu kommen körperliche Beschwerden während und nach der Körperhaarentfernung: irritierte und blutige Haut, eingewachsene Haare und Juckreiz. Die meisten Frauen nehmen das in Kauf, weil Körperhaare heutzutage als beschämend, unhygienisch und unattraktiv gelten. Tatsächlich fühlen sich viele Frauen mit ihren eigenen Körperhaaren unwohl und sind zutiefst beschämt. Sie glauben, die Haare seien unhygienisch und fördern Schweißbildung. Diejenigen, die ihre Körperhaare wachsen lassen, sagen das genaue Gegenteil: Sie fühlen sich durch die Haare geschützt und hygienischer, auch schwitzen sie weniger.

(...) wer will schon einen Busch “da unten” lecken?

Viel interessanter jedoch ist, was weibliche Körperbehaarung bei anderen auslöst: nämlich oftmals starke Gefühle des Ekels und der Verachtung, über alle Geschlechter hinweg. Die einen bitten ganz höflich darum, die medizinischen “Fakten” zu akzeptieren und ordentliche Körperhygiene zu betreiben. Die anderen drohen mit ewiger Einsamkeit, denn wer will schon einen Busch “da unten” lecken? Auch mein Mann fühlt sich beim Anblick meiner Achselhaare an einen Mann erinnert und wartet daher sehnsüchtig darauf, dass ich den Rasierer zücke. Was meine Freunde und Familie denken, weiß ich gar nicht, ich traue mich noch nicht, meine Körperhaare zur Schau zu stellen. Kein Witz.

Fakt ist, dass sich inzwischen die meisten Frauen “angepasst” haben. Sie pflegen sich und ihren Körper akribisch und lassen ihre wilde Seite kaum zum Vorschein treten bzw. kennen sie sie in vielen Fällen gar nicht. Das ist die Frau, wie sie der Norm entspricht: Frau ist, wer sich vor allem in Gegenwart anderer zurecht macht. Und wenn nicht, dann ist Frau reizlos. Kein Wunder also, dass die meisten Frauen von ihrem Äußeren besessen sind und viel Zeit, Geld und Energie für die Pflege in Kauf nehmen.

Das Blöde an meinem haarigen Experiment ist, dass ich trotz der Erkenntnis darüber, dass wir von unserem Äußeren besessen sind und danach beurteilt werden, nicht aufhören kann, über meine Körperhaare nachzudenken. In den letzten Tagen habe ich mich bei höheren Temperaturen nicht gefragt, was ich gerne tragen möchte, sondern in welcher Kleidung meine Achsel- und Beinhaare zu sehen sein werden. Dabei ist es doch viel wichtiger zu wissen, wer ich bin und wofür ich stehe.

Idealerweise würden wir also aufhören, uns über das Äußere zu definieren und viel mehr nach innen schauen. Allerdings stecken wir mitten in einer Zeit, in der selbst die angeblich schönsten Models der Welt meist nicht ohne Photoshop auskommen. Wie also sollen wir nun auf einmal alle vom Äußeren absehen und einfach “das tun, worauf wir Bock haben”? Rasieren oder nicht? Deine Wahl! Tja, so leicht ist das leider nicht. Manches Ungleichgewicht lässt sich nur durch einen korrektiven Ruck in die andere Richtung wieder beseitigen. Solange wir nicht genau so viele rasierte wie unrasierte Frauen sehen, werden wir Körperhaare kaum als valide Alternative zur Glattrasur anerkennen.

Mir geht es überhaupt nicht darum, Körperbehaarung zu glorifizieren oder die Glattrasur zu verdammen. Das Patriarchat werden wir mit behaarten Achseln (leider) nicht umstürzen. Wir können aber damit anfangen, unsere Körper und seine Haare so zu sehen, wie sie sind: Haare. Auch wenn es eine Glattrasur oder das stylende Stutzen sein soll, kann das auch ohne Ekel und Scham vor der eigenen Körperbehaarung gehen. Das geht natürlich nur, wenn Körperhaare Teil der Norm sind. Je mehr Frauen ihre Körperhaare nicht vollständig entfernen, desto eher sehen andere darin eine echte Option zur verpflichtenden Glattrasur.

Daher mein Appell an alle haarigen Frauen: Zeigt euch! Daher mein Appell an Unternehmen und Medien: Zeigt auch haarige Frauen! Daher mein Appell an alle anderen: Betrachtet haarige und glattrasierte Frauen mit gleichem Respekt und findet lieber heraus, was die Frau noch alles kann – außer Körperhaare wachsen zu lassen. Vielleicht könnte ich dann endlich meine Körperhaare akzeptieren.