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Clouds

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Ich überlege und überlege,

wo mir der Kopf steht, wo,

wo stand er zuletzt…?


Meine Gedanken hängen in Wolken

sie hängen mir nach und sie

hängen dort fest.

Sie sagt: "Entscheide dich" in einem Tonfall, der Lawinen lostritt. Genau jetzt hängt alles an dieser Entscheidung, die sie einfordert. Ich verstehe sie bestens, sie hat jedes Recht dazu, sie mir abzuverlangen. Allerdings ist das leider nicht so einfach, denn es gibt da ein ganz blödes, aber unumgängliches Problem:

Mein Kopf ist leer, wie es der des Schoko-Osterhasen ist. Oder der des Schoko-Nikolaus. Er ist leer wie die Versprechen, die mir in dieser Lage jetzt noch helfen könnten. Er ist leer wie der Zettel, auf dem ich alles aufgeschrieben habe, das mich nun noch aus dieser Lage befreien könnte.

Mein Kopf ist so leer, wäre er noch mehr davon, könnte er unterrichten. Vielleicht bekäme ich gerade noch so 25 Cent für ihn mit einem Strichcode in den Nacken rasiert. So leer ist er. Im Moment ist das der einzige Gedanke, der geht. Ein Gedanke wie der blasseste Lichtstrahl am sonst perfekt weißen Himmel voller Wolken.

Ich öffne schockiert den Mund und atme dabei durch ihn ein, bewege mich leicht nach hinten und weite meine Augen, ich setze quasi an zu einer modernen Kunst-Variante eines Satzes und lasse ein kaum hörbares Geräusch auf das Canvas tropfen. Ein Meisterwerk. Ihr Blick eine Drohung. Uff.

Ich brauche dringend IKEA Pax für meinen Kopf Hygge! Wenigstens ein Pressholzregal, um diesen hohlen Becher daran zu schlagen bis Entscheidungen fallen wie Würfel. Dass wenigstens ein Bluff funktioniert, doch mein Pokerface sagt "äh…"

"Äh…" wie in "Äh… ich sollte wohl schnell reagieren, aber tue es nicht und das ist auch eine Reaktion, gell?" oder wie in "Äh… das liegt ja absolut auf der Hand, es ist so klar wie die Bio-Volvic-Plastikflasche die das ganze Areal drumherum austrocknet, dass ich hier eine eindeutige Meinung habe, aber ich habe sie nicht und das ist ja auch eine Meinung, irgendwie, gell?" oder wie in "Äh… jetzt habe ich aber wirklich den faden Anschein verloren, dass man mir noch jedwede Verantwortung übertragen könnte, das kann man aber nicht und das wiederum ist quasi, äh… verantwortungsbewusst?"

Denkprozesse wüstenschneckenlangsam und vielversprechend wie der Kampf gegen Rechts oder den Klimawandel oder Pandemien. Eher viel versprechend im Sinne von kein verständliches Wort bring ich mehr raus wie erfolgreiche Mumble-Rapperinnen im Release-Radar. Ein "Jein" ist halt ein klares "Nein", aber auch das bring ich nicht raus wie Studis den siffigsten WG-Müll. Mein Kopf ist ein verwunschener Wald voll dichtem Nebel, in dem sich alle verlaufen, sich alles verläuft, Personen reinkommen, Tage später rausfinden und doch 100 Jahre gealtert sind in dieser Zeit. Mir reichte es ja schon, rauszufinden, was ich sagen soll und wie nochmal man überhaupt spricht.

Es geht hier um die Frau, die ich liebe, und mir bleiben nur Luft und Spucke weg, bin kalt erwischt, mitten in den Magen getroffen von ihrer Direktheit und ringe nach Klarheit. Es seufzt in mir, wie das Knarren alter Dielen, die schon lange, lange liegen. Ach… Ihr Blick fragt, ob das gerade wirklich mein Ernst sei.

Doch mein Kopf ist ein Dickicht im Dschungel, ein Irrgarten ohne Karte, ein Treibsand ohne Seil, ein Meer voller Wolken. Gedanken, die ich fassen will, laufen mir spielerisch leicht davon und lachen mich aus. Als würde ich in Zeitlupe nach ihnen greifen und sie mir mit Absicht gerade so im letzten Moment nochmal zur Seite hüpfen, um mich besonders dumm dastehen zu lassen.

Ich denke ausschließlich in ebay-Kleinanzeigen-Dialogen, in denen beide Seiten peinlich schlecht sind im Verhandeln, sehr unhöflich und stets eine Spur aneinander vorbei. "Letzte Preis" ist wohl ich stehe am Ende alleine da mit nichts außer der Wolken in meinem Kopf.

Meine Kehle runter ist es wie Schleifpapier, ein immerleerer Paternoster liefert quietschend und kratzend stets momentaktuell die neuesten Produkte zum Themenkomplex "Enttäuschung" und 10 von 10 Menschen würden sie nicht ihrer besten Freundin weiterempfehlen. Je länger man kurz davor ist, desto sicherer wird man es nicht mehr erreichen. "Kurz davor" ist der winzige Streifen einer langen Skala, den man schnellstens hinter sich lassen muss. "Kurz davor" endlich was zu sagen. Kürzer davor, alleine weiterzuleben. Alles voller Watte hier.

Ich habe es gleich, wirklich! Ein Gefühl seichter Freiheit schleicht sich an, doch bleibt es seicht wie gerade so nie dran an ihr. Nochmal ach.

Ein flehender Blick zu ihr und es kommt so plötzlich wie der Blitz vor dem Donner: "Streng dich nicht weiter an. Hier, bitte, ich nehm dir die Entscheidung ab." Und mit diesem Satz knallt es dann endlich, dass es einem durch den ganzen Körper fährt.

Sie ist die Sonne, die meine Wolken lichtet, der Sturm, der mir den Kopf frei bläst, das Hoch, das mir den sanften Druck beschert, den ich brauche. Sie tat mir immer gut. Doch heute ist es alles zu viel und alles zusammen und ich weiß, dass ich für immer nicht gebracht habe, was ich bringen sollte und jetzt bin ich eine einzige Katastrophe.

Im Wetterbericht hätte ich einen Namen, an den man sich lange erinnern sollte, aber er wäre peinlich wie "Rüdiger" oder "Hans", no offense, aber es würde nie passen zu der massiven Welle des Unglücks, die ich los-tsunamid hätte.

Alle Dumpfheit in mir ist vertrieben und ausgetauscht, Regen strömt durch meine Augen, es hat so laut "Klick" gemacht, dass es mir als Tinnitus in Erinnerung bleiben wird, ich bin genau nicht das Auge des Tornados. Diesen Damm, dieses unendliche Brett vor meinem Kopf, hat sie gebrochen und so strömt es aus mir. Und es strömt auch aus ihr, und es tut weh, das zu sehen. Und ich schäme mich dafür. Und mir fließen nur weiter flüssige Wolken durch die Augen und so ist dieses verschwommene Ende nur ein visuelles, doch gestochen scharfes Bild für die Brust, die Kehle und die zittrigen Beine. Mir wird schlecht davon.

Ein harter Niederschlag für alle, die in diesem kleinen Boot saßen, ein Boot, das nun mehr als undicht in zwei verschiedene Richtungen gerade so weiterschwimmt. Mein letztes Treibholz würde ich dafür geben, dass sie es sicher an Land schafft. So schlimm das alles ist, am schlimmsten ist es wohl, dass sie es nicht will und wollen wird, meine Zeit in ihrem Leben, die war bereits. Eben hatte ich noch alle davon und jetzt ist sie auf Null. Diese Erkenntnis klatscht mir eine große, kalte Welle grob und respektlos ins Gesicht.

Sie geht.

Und ich treibe weiter hier. Treibe als das, was ich eben gerade Erbärmliches bin, auf diesem großen, stürmischen Meer der Hilflosigkeit und man sieht nur noch, wie die Kamera weiter und weiter herauszoomt, bis das Meer wieder ein so großes Alles ist, dass es quasi Nichts ist und die Kamera zoomt weiter heraus und das große Nichts wird umhüllt von einer Wolkendecke und diese findet ihren neuen Platz dort, wo, wenn die Kamera noch ein weiteres Stück herauszoomt, sie am Anfang bereits war und mir für das Ende dieses Abschnitts und den zähen langen Beginn des neuen Abschnitts bleiben wird und am Ende hat sich also nicht viel getan, außer dann doch alles, nur ich bleibe unnütz, wie ich es eben gerade bin, und habe den Kopf voller Wolken.

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