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Sie und ich, irgendwann

So fern und doch so nah

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Irgendwann, eines vergangenen Winters:

Ich hab sie eine ganze Weile schon nicht mehr gesehen. Wobei, eigentlich stimmt das nicht ganz. Wir führen irgendwie eine Art Fernbeziehung – immer dann, wenn die eine die andere braucht, finden wir Wege, uns zu sehen, wenn auch nur für einen Moment. So ist das in Beziehungen, die über Jahre, fast Jahrzehnte hinweg bestehen: Man muss nicht in stetigem Kontakt stehen, um zu wissen, dass man füreinander da ist, richtig? Es ist Winter, die Tage sind kurz, die Nächte dunkel und kalt. In mir aber, da ist es hell, die Welt dreht sich in einem Tempo, das mir gut gefällt, wir sind im selben Takt, gehen im Gleichschritt. Ich glaube, es ist einer der schönsten Winter, die ich erlebe, auch wenn die Umstände das nicht sind.

Wie schon gesagt: Ganz weg war sie nie, auch hier nicht, in diesem eigentlich so kalten, gleichzeitig in mir so warmen Winter. Auf eine komische Art und Weise fehlt sie mir ein bisschen, das gebe ich zu. Vor allem zu dieser Jahreszeit war sie mir, soweit ich mich zurückerinnern vermag, immer die treuste Begleiterin. Auf der anderen Seite bin ich sehr glücklich darüber, dass sie gerade nicht dort ist, wo ich bin, zumindest nicht permanent. Wie in jeder guten Beziehung braucht man hin und wieder den gesunden Abstand zueinander, damit das Wiedersehen wieder das aufregende Gefühl des Neuen mit sich bringt. 

„So fern und doch so nah bist du mir. Das schafft sonst wirklich niemand“, sage ich, und obwohl ich weiß, dass sie es eigentlich nicht hören kann, mache ich mir nichts vor: Sie wird es spüren, wie auch immer. 

Das letzte Mal, als wir uns gesehen haben – also, über einen wirklich langen Zeitraum –, konnten wir gar nicht toxischer miteinander sein. „Ich ertrage dich nicht mehr“, schreie ich sie an. „Da hast du aber Pech, denn das musst du jetzt, ich lasse mich nicht einfach vor die Tür setzen, Em, und wenn du ehrlich zu dir bist, weißt du das.“ Ich lache, gehässig. „Wie hartnäckig du bist? Ja, das weiß ich wohl. Aber wenn du ehrlich zu dir bist, hat dir wahrscheinlich viel zu lange niemand mehr gesagt, dass es fürchterlich taktlos ist, sich Menschen aufzudrängen, die gerade keine Lust auf dich haben. Die Welt dreht sich nicht immer um dich, hörst du?“ Ich rede mich in Rage, so gefalle ich mir nicht, aber ich mache weiter: „Es ist nicht nur taktlos, es ist nahezu arrogant. Seit Wochen bist du hier und saugst das Leben aus mir. Es gibt Dinge, die getan werden müssen, verstehst du? Menschen gehen Pflichten nach, sie haben Aufgaben, die erledigt werden müssen, Träume, die verfolgt werden wollen und es gibt viele Beziehungen, die es zu pflegen gilt. Du lenkst mich von alledem ab. Deine Nähe erstickt mich. Tu mir das nicht, tu uns das nicht an, und bitte geh einfach.“ Ihr Gesicht verzieht sich schmerzlich und mir wird klar, dass ich sie damit mitten ins Herz getroffen habe. 

Sie tat schließlich doch, was ich ihr sagte, nicht sofort, aber bald. Sie ging, sagte nichts, gab mir zum Abschied einen Kuss, der so widerlich war, dass der Nachgeschmack noch lange blieb. 

Irgendwann, eines späteren Frühlings 

Es gibt einen kleinen Spalt zwischen meiner Jalousie und dem Fenster, da quetscht sich das Licht durch, sobald um 7:05 Uhr die Sonne aufgeht. Schlaftrunken streicheln die ersten Strahlen meinen Kopf, ich nehme die weiche Bettwäsche auf meiner Haut wahr. Das ist der schönste Zustand, dieses süße Gefühl, da zu liegen, leicht und frohen Mutes, wissentlich, dass man noch ein wenig vor sich hinschlummern kann. Ich schlinge die Decke noch ein wenig enger um mich, drehe mich auf die andere Seite, schlage kurz die Augen auf. 

Es sind Millisekunden, vielleicht auch länger, bis das Gesehene mein Gehirn erreicht. Jetzt reiße ich die Augen auf, mein Körper verkrampft, ich kann es nicht glauben. „Was tust du hier?“, quieke ich und starre ihr mitten ins Gesicht. Sie liegt hier, in meinem Bett, ganz wahrhaftig, nur 10, 15 Zentimeter trennen ihren Leib von meinem. In ihrem Gesicht, ihrer Fratze, ein selbstgefälliges Lächeln, wie von einer Psychopathin. Wie kam sie hier rein? Seit wann beobachtet sie mich? „Guten Morgen, Emilia“, schmatzt sie, „hast du mich vermisst?“ Mir wird übel. Nein, nein, nein. Das darf nicht wahr sein. Ich stottere irgendetwas, das keinen richtigen Sinn ergibt, kauere mich instinktiv in die Ecke meines Bettes, irgendetwas stimmt hier nicht. Habe ich einen Filmriss? „Das würdest du dir wohl wünschen“, antwortet sie auf meine Gedanken, die ich offenbar nicht nur gedacht habe. Sie stützt ihren Kopf auf eine Hand, ich denke kurz, wie hässlich sie in diesem Moment aussieht. Der Teint fahl, die Augenringe tief und grau, ihre Haare fettig, sie stinkt, als habe sie sich ewig nicht gewaschen. Als habe sie sich nicht mehr gewaschen, seit sie bei mir ausgezogen ist. Diese Psychopathin! Sie schaut mich immer noch an, ist um keinen Blickkontakt verlegen, und sie weiß genau, was sie da tut. 

Und schon kommen sie: etwas verschwommen zuerst, dann immer klarer. Puzzleteile der Realität, Bilder der letzten Tage. Die Realität lässt sich nicht mit Schlafmitteln heilen, ich Närrin. 

„Du bist nicht erst seit heute hier“, murmele ich, mehr zu mir selbst als zu ihr. Sie nickt, ein Mundwinkel zuckt ganz leicht nach oben. „Wir sind gemeinsam eingeschlafen“, fahre ich fort, verstumme dann aber wieder. Ein Rinnsal zieht seine Bahn auf meiner Wange. Ein Blackout, Gott, wie sehr ich es mir wünschen würde, sie hat recht. „Soll ich weitermachen, Em?“ Sie formuliert diese Frage, als würde sie sie genießen. Als würde sie genießen, dass sie mich damit quält. Mir ist ganz kalt. Und ich hasse es, dass sie mich so nennt.  

Ich will Nein sagen, weiß aber, es wäre vergebens. Diese Frau kennt keine Gnade. Sie macht weiter: „Hundert Punkte bis hierhin. Richtig, ich bin nicht erst seit heute hier, und richtig, wir sind gemeinsam eingeschlafen. Ich bin gekommen, weil es an der Zeit war. Nicht, weil du mich darum gebeten hast, sondern weil ich wusste, dass der Moment gekommen war. Es tut mir leid, dass ich meinen Besuch nicht angekündigt habe, aber so bin ich nun mal, nonchalant, hm? Und bevor du es versuchst: Wage es nicht, mich der Wohnung zu verweisen. Du wirst es so schnell nicht schaffen, mich loszuwerden.“

Meine Augen laufen aus. 

Ihre Gesichtszüge werden weicher. Ihre Körperspannung auch. Sie zieht mich zu sich. Ich wehre mich nicht. Ich gebe mich ihr einfach hin. Wehrlos, unterwürfig, ohnmächtig. Ich sage nichts. 

„Wir hatten diesen Streit schon zigmal, aber ich sage es dir nochmal, falls du es vergessen hast: Wie sehr du mich auch hasst, du brauchst mich, tief in dir weißt du es. Und ich brauche dich. Ich war nie wirklich weg. Ich habe dir aus der Ferne dabei zugesehen, wie du glücklich warst. Und ich war es auch, glaubst du mir das? Ich war glücklich dabei, dich glücklich zu sehen, obwohl das meiner gesamten Natur widerspricht. Du denkst, ich meine es schlecht mit dir, dass ich dich in die Knie zwingen will, und es stimmt ja, ich teste dich. Manchmal bis zum Äußersten. Aber, Em? Ich wiederhole mich: Du brauchst mich. Es geht dir nicht gut, und deswegen bin ich hier. Vielleicht geht es dir auch nicht gut, weil ich hier bin. Wer weiß das schon. So oder so: Es führt kein Weg darum herum.“ Mit ihrem Daumen wischt sie über mein Gesicht. Grob und sanftmütig zugleich. „Wenn es Zeit wird zu gehen, irgendwann, vielleicht in ein paar Tagen, vielleicht in Wochen oder Monaten, packe ich meine Sachen und verlasse dich. Das verspreche ich dir. Und bis es soweit ist, werden wir das Beste daraus machen. Ich gebe mir Mühe, deine Grenzen nicht zu überschreiten. Auch ich habe dazugelernt.“

Sie macht eine Pause. „Und, noch was: Ich bin stolz auf dich.“

„Ist gut“, presse ich hervor, noch immer tränenerstickt. Sie hat mich wieder um den Finger gewickelt. Ich weiß, dass sie die Wahrheit sagt. Als wäre dies ihr Stichwort, zieht sie uns noch näher aneinander. 

Sie, die Traurigkeit, legt sich über mich wie ein Pflaster. „Ist gut“, wiederholt sie und wir weinen miteinander. 

7m