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Dear Diary, Seite 4: Heute ist ein Tag wie jeder andere

Über die zehrende Monotonie des Alltags

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Heute ist ein Tag wie jeder andere. Der Wecker klingelt um 7.00 Uhr, genau wie an jedem anderen Tag. Dieselbe Uhrzeit, dasselbe Szenario: Schlummern. Schlummern. Schlummern. Mein Freund ist genervt davon, dass meine Hand und der Snooze-Button meines Weckers eine so innige Beziehung führen, ich bin genervt davon, dass es ein Tag ist wie jeder andere. Kurz vor 8 stehe ich auf, mich trifft die immer wiederkehrende Erkenntnis: Ich hab mir eine Stunde potentiell friedlichen Schlaf geraubt. 

Der Blick in den Spiegel, ein kurzer Anflug von „Ihgitt“, bis sich die Kissenabdrücke auf meiner Stirn entknittert haben, das Gesicht gewaschen, die Zähne geputzt, die Haare gebürstet sind. Ich werde heute nicht das Haus verlassen, glaube ich. Zumindest nicht, weil es dafür einen triftige Grund gibt. Außer für den Einkauf oder den kurzen Spaziergang um den Block, zu dem mein schlechtes Gewissen mich spätestens zur Mitte der Woche veranlasst. Trotzdem schminke ich mich. Einerseits rede ich mir ein, dass mir das gut tut, andererseits empfinde ich, dass das von mir verlangt wird. Von wem auch immer. 

Heute ist ein Tag wie jeder andere. Kaffeemaschine, Milchschäumer, Tabakdampfer, die drei wichtigsten Utensilien meines Morgens. Ich stelle mich an meinen höhenverstellbaren Schreibtisch, den ich mir unlängst gegönnt habe, lache in mich hinein und frage mich, wann ich eigentlich so erwachsen geworden bin? Erwachsen, dafür ohne Rückenschmerzen, immerhin. Meeting, E-Mail, Anruf, Meeting, Meeting, E-Mail, E-Mail, E-Mail. 21 geöffnete Tabs, auf meinem PC, in meinem Kopf. Wie an (fast) jedem anderen Tag auch, bin ich gut im Workflow. „She works hard for her money“, summe ich – ein pathetisches Bild, wenn man bedenkt, dass sie hardly any money maked, aber was soll’s? Sieht ja niemand.

Zwischendurch laufe ich ziellos durch die Wohnung. Naja, das stimmt nicht ganz, unterwegs finde ich immer ein Ziel: ein Haar auf dem Boden, das entfernt werden muss, ein paar Schuhe im Flur, das aus der Reihe tanzt, eine Woge in der Bettdecke, die es zu glätten gilt. Obwohl ich genug Arbeit habe, sucht mein Kopf sich noch mehr Arbeit – meistens völlig unsinnig, meistens trotzdem völlig befriedigend. Wie soll der Kopf auch klar sein, wenn die Umgebung es nicht ist? Vielleicht ist das aber eher ein Euphemismus für irgendeine Zwangsstörung, die ich habe. Wenn mein Kopf nicht klar ist, nur weil irgendwo ein Haar dort liegt, wo es nicht hingehört, ist wohl irgendwas mit meinem Kopf nicht richtig, wenn wir mal ganz ehrlich sind.

Heute ist ein Tag wie jeder andere. Acht Minuten, einundzwanzig Sekunden. Ein Freundin schickt mir eine achtminutenundeinundzwanzigsekundenlange Sprachnachricht. Dich schickt der Himmel, denke ich! Acht Minuten und einundzwanzig Sekunden lang Ablenkung von diesem Tag, der wie jeder andere ist. Ich starte sie zweimal von vorne, weil mir im Verlauf des Abhörens doch wieder irgendetwas einfällt, was umgehend erledigt werden muss. Als könnte das nicht kurz warten. Lächerlich.

18 Uhr. "Status auf offline stellen". Was mach ich jetzt mit dem Rest meines Tages? Kennt ihr diese Menschen, deren Tag erst dann beginnt, wenn der Feierabend da ist? Ich bin keiner von ihnen. Nicht mehr seit März 2020. Ich könnte Sport machen, bin aber zu müde. Hab erneut vergessen zu essen – den ganzen Tag lang. Ich muss dringend essen! Bin zu erschöpft, um zu kochen. Hilft nichts, ich muss. Ich recherchiere irgendein Rezept aus meiner Koch-App, dessen Endergebnis ich danach fotografieren und posten kann, damit es nicht so aussieht, als wäre es ein Tag wie jeder andere.

Während ich so dasitze, im Schneidersitz auf dem Boden vor dem Fernseher (schließlich hab ich keinen Esstisch mehr, weil erwachsene Leute einen höhenverstellbaren Schreibtisch brauchen) und das Gekochte esse, denke ich, es ist doch eigentlich alles gut so, wie es ist. Bald wird es wärmer, dann werde ich verreisen, braun-gebrannt-eingeölt-Bikini-tragend-und-schwerelos-fühlend aufs Meer schauen und mich des Lebens freuen.

22 Uhr. Zeit, den Tag offiziell zu beenden. Ich schlüpfe in mein Bett und wünschte, ich könnte dieses süße Gefühl für immer konservieren. Das süße Gefühl der Hoffnung. Der Hoffnung auf einen Tag wie keinen anderen.

Der Wecker klingelt um 7.00 Uhr, genau wie an jedem anderen Tag. Dieselbe Uhrzeit, dasselbe Szenario: Schlummern. Schlummern. Schlummern [...]

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