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Was am Ende bleibt

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Als ich von der Küche aus durch die offenen Flügel der Glastür in die Richtung des Gartens schaue, sehe ich ihn, wie er mit dem Rücken zu mir friedlich da sitzt und sich mit einer Hand durch das lichte, weiße Haar streicht. Ohne sein Gesicht zu sehen, könnte man glauben, er schaue friedlich in die Ferne, betrachte die Blumen, die am letzten Wochenende frisch eingepflanzt wurden oder die Autos, die auf dem heißen Asphalt der Landstraße emsig hin und her fahren und deren Schlange sich wie ein nie enden wollendes Band in die Richtung des kleinen Waldes zieht, von dem sie schließlich verschluckt werden.

Doch als ich auf den Mann zugehe, im Vorbeigehen seine Schulter berühre, um ihn nicht zu erschrecken, bemerke ich, dass er seine Umgebung kaum wahrnimmt. Er betrachtet weder die frischen Blumen, noch die Autos, er nimmt weder meine Berührung wahr, noch den warmen Windhauch, der, wie meine Hand einige Sekunden früher, über seine Schultern und die weiche, faltige Haut seiner gebräunten Arme streicht. Er nimmt auch meine leise Begrüßung nicht wahr oder meine Frage danach, wie es ihm heute geht; er ist völlig vertieft, in eine Unterhaltung, die ihm so wichtig zu sein scheint, dass sie es ihm unmöglich macht, seine Umgebung auch nur im Ansatz wahrzunehmen.

Er zieht die Augenbrauen zusammen, runzelt seine Stirn und reibt sich die Schläfe, als würde er über eine Äußerung seines Gegenübers nachdenken, abwägen und überlegen, welche Antwort er ihm geben soll, wie er das, was er denkt, diplomatisch und so freundlich wie möglich ausdrücken könnte. Dann fängt er an zu sprechen, gestikuliert wild, er wirkt aufgebracht, so sehr, dass er kaum Luft zu bekommen scheint. Er verspricht sich einige Male, stolpert über seine eigenen Formulierungen, sein Redefluss gerät ins Stocken und bricht schließlich völlig ab. Der alte Mann hört nun auf zu sprechen, legt seine Hände, die vor wenigen Sekunden noch wild durch die Luft geschwungen sind und seine Erklärungen für sein Gegenüber greifbar machen sollten, in den Schoß und blickt sein Gegenüber nur noch flehend an. Seine trüben, wässrigen Augen sind voller Hoffnung auf eine Antwort, wenigstens ein verständnisvolles Nicken, die geringste Reaktion auf seine verzweifelten Erklärungsversuche, ein kleines Zeichen, das ihn spüren lässt, dass seine Worte eine Wirkung haben.

Früher, so denke ich, war der Platz ihm gegenüber wohl nur selten leer...

Doch der alte Mann wartet vergeblich. Seinen Worten folgt keine Reaktion, da ist kein Nicken, kein verständnisvolles Nicken, keine Antwort oder ein Gegenargument; da ist nichts. Ich betrachte den Stuhl des Gegenübers, zu dem der alte Mann gesprochen hat, er ist leer. Früher, vor einigen Jahren noch, war der alte Mann ein angesehener Arzt. Was er sagte, hatte Gewicht, seine Diagnosen waren fast immer zutreffend und seine Patient:innen vertrauten ihm und seinem nahezu unerschöpflichem Wissen. Früher, so denke ich, war der Platz ihm gegenüber wohl nur selten leer; jeder hatte eine Frage an ihn, seine Patient:innen erhofften sich durch seine Antworten Heilung und die Linderung ihres Leids, seine Kolleg:innen und Freund:innen müssen gerne mit ihm diskutiert, neue Methoden und Medikamente erörtert, Fälle besprochen und Diagnosen angepasst haben. Er muss damals schon eine überzeugende Art zu sprechen gehabt haben und hat sie bis heute behalten; nur der Platz ihm gegenüber ist heute nicht mehr besetzt.

Ich trete hinter ihn und werfe noch einen letzten Blick auf den leeren Stuhl, der dem alten Mann gegenübersteht, bevor ich die Bremsen des Rollstuhls vorsichtig löse und ihn langsam in Richtung Garten schiebe. Während ich mit ihm durch den Garten spaziere, wiederhole ich meine Frage danach, wie es ihm heute geht, doch ich erhalte wieder keine Antwort. Der alte Mann ist auf unserem kurzen Weg eingenickt, die Diskussion mit sich selbst muss ihn müde gemacht haben. Als ich ihn später nach dem Nachmittagskaffee in sein kleines Zimmer schiebe und ihn gerade wieder alleine lassen will, greift er nach meiner Hand und streicht mit seinem Daumen kurz über meinen Handrücken, bevor er sie an seinen Mund führt und mit seinen trockenen Lippen und den Stoppeln seines weißen Barts einen Kuss auf meine Finger drückt. Er hebt seinen Kopf und verzieht den Mund kaum merklich zu einem leisen Lächeln, doch während ich darüber nachdenke, wem er wohl früher auf diese Weise schmeicheln wollte, spüre ich, wie sich mein Hals zuzieht, meine Augen füllen sich mit Tränen.

Ja, denke ich, unfassbar, was aus einem Menschen werden kann.

Ich verlasse sein Zimmer und begegne auf dem Gang einer Kollegin, erzähle ihr von der Geste des alten Mannes und seiner Unterhaltung mit sich selbst. Sie erklärt mir, ich solle darüber nicht zu viel nachdenken: Der alte Mann sei nun jemand anderes, er sei nicht mehr der allwissende Arzt, der liebende Vater und Mann, der er einmal war. „Gestern haben wir ihn in einem fremden Zimmer gefunden“, sagt sie. „Er hat dort alles durcheinander gebracht und verdreckt, ist dann am Ende in dem schmutzigen Bett eingeschlafen, das noch nicht einmal sein eigenes war.“ Ich kann spüren, wie mein Hals sich erneut zuzieht, diesmal jedoch nicht vor Rührung, sondern vor Entsetzen. Meine Kollegin scheint meinen ungläubigen Blick bemerkt zu haben, sie streicht mir im Vorbeigehen sanft über den Arm und murmelt: „Unfassbar, was aus einem Menschen werden kann.“ Ja, denke ich, unfassbar, was aus einem Menschen werden kann.

Wie viel von dem, was der alte Mann einmal war, ist heute noch in ihm?

Der Gedanke an den alten Mann lässt mich auch für den Rest meines Arbeitstages nicht los. Ich kann nicht damit aufhören, über ihn nachzudenken, und über das Leben, das er irgendwo auf dem Weg zurückgelassen hat. Was ist mit all seinem Wissen passiert? Wo ist es hin? Schlummert es noch in einem Teil seines Gehirns, der von der Krankheit verschont geblieben ist oder ist immer mehr davon aus seinem Kopf gewichen, je kränker er wurde? Wo ist all die Liebe hin, die er für seine Tochter empfunden hat, die er heute schon gar nicht mehr erkennt, wenn sie ihn hier besucht? Ist sie gänzlich verschwunden oder ist ein Teil dieser Liebe noch immer in ihm und erinnert sich noch manchmal an all die schönen Tage, die sie zusammen erlebt haben, an die Tage, die sie sich immer wieder zurückwünscht, seit ihr Vater krank ist, und von denen er scheinbar gar nicht mehr weiß, dass es sie irgendwann gegeben hat? Wie viel von dem, was der alte Mann einmal war, ist heute noch in ihm? Wie viel davon hat seine Krankheit ihm geraubt? Oder hat sie ihm in Wahrheit gar nichts geraubt, sondern all sein Wissen, seine Erfahrungen, Erinnerungen und all das, was er einmal gefühlt hat, in Umzugskartons gepackt und sie in einen Bereich seines Bewusstseins geräumt, in dem er sie, egal wie sehr er sich bemüht, niemals wieder finden wird? Und was ist ihm geblieben? Was ist heute noch da von all seinem Ruhm, seinem Wissen, seinen Erfolgen und seinen Errungenschaften?

Was bleibt ihm am Ende? Was bleibt uns am Ende?

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